»So, na hüte Dich, wenn ich nicht ein guter Mensch wäre ...« Auch der Polizist steht nicht mehr ganz fest auf den Beinen; Rührung überkommt ihn beim Gedanken an die eigene Güte. »Ein seelensguter Mensch, ja, frag' nur alle, die mich kennen, ob Sergei Stepanowitsch nicht ein seelensguter Mensch ist.« Er zieht ein Taschentuch hervor und schneuzt sich laut. »Ja, gut, seelensgut, und muß diese Hundearbeit verrichten. Da nimm, das Herz tut mir weh, wenn ich Dich so stehen sehe; Du solltest schlafen.« Zwanzig Kopeken gleiten in Ivans Hand. Schwerfällig trottet der Polizist weiter.
Ivan zählt das Geld, zehn Kopeken, zwanzig Kopeken, eine Kopeke, ein halber Rubel – noch nicht genug. »Bring' fünf Rubel mit«, hat Stasia am Abend gesagt. »Morgen muß ich die Miete bezahlen. Dann darfst Du Dich auch wieder ausschlafen.«
Nein, er kann noch nicht heimgehen, Stasia würde zornig sein. Nicht, daß sie böse zu ihm wäre, oder ihn schlüge, aber sie schreit so furchtbar, wenn sie zornig ist; davor hat Ivan Angst. Und wenn er nicht genug Geld heimbringt, droht sie ihm mit dem Waisenhaus, »wo man Schläge bekommt und den ganzen Tag beten muß«. Vielleicht ist sie auch noch gar nicht daheim, und er müßte im dunklen Gang warten, bis sie kommt.
Er gähnt, reißt die schlaftrunkenen Augen auf,
| »O schwarze Augen, |
| O schöne Augen!« |
Eine Saite reißt mit kläglichem Schrillen; das ist die zweite heute nacht; nun muß er mehr als fünf Rubel verdienen, denn die Saiten kosten viel Geld.
Kleine steife Finger greifen in die noch unversehrten Saiten, noch jammervoller denn zuvor klingt die Begleitung, schluchzt schrill und hoffnungslos:
| »Unsel'ge Stunde Du, |
| da ich Dich sah!« |
Sechstes Kapitel.
Der Tisch war fertig gedeckt; das große, stämmige »Mädchen für alles« wischte noch rasch mit einem zweifelhaft sauberen Tuch ein Glas aus, seufzte, rieb den erfrorenen juckenden Fuß gegen ein Stuhlbein und verfügte sich ins Wohnzimmer, um die Familie zu rufen. Sie saßen um die Lampe, in der kleinen ostpreußischen Stadt gab es noch kein elektrisches Licht. Frau Selder stopfte Strümpfe, die drei älteren Kinder, Friedrich, Gustav, Ilse waren mit Schularbeiten beschäftigt, die kleine Lene spielte mit ihrer Puppe, der Gymnasialprofessor saß vor einem Stoß Schulhefte und las stirnrunzelnd in einem Brief.