Eine winzige rote Zunge streckte sich vor, ganz wenig und zum Glück unbemerkt, und eine rebellische Stimme murmelte halblaut: »Wenn Du etwas nicht weißt, muß ich immer schweigen.«

Nach dem Abendbrot kletterte Lene auf der Mutter Schoß. »Mutti, was ist maßlos?«

Verständnislos blickte Frau Selder ihre Jüngste an: »Was meinst Du, Lenchen?«

»Vater sagte bei Tisch, Tante Margarete ist maßlos; das muß etwas Schönes sein, denn Tante Margarete ist lieb und gut; wenn ich groß bin, werde ich auch maßlos sein.«

Frau Selder seufzte hilflos; sie wagte nicht, ihren Mann zu Hilfe zu rufen; er malte mit grimmigem Gesicht rote Striche in die Schülerhefte.

»Es ist Zeit, Schlafen zu gehen, Lenchen.«

Sie brachte die Kleine ins Bett.

Als sie bereits das Licht verlöscht hatte und an der Tür stand, durchschnitt Lenes Stimme die Dunkelheit: »Mutter, warum ...«

Frau Selder floh ins Wohnzimmer.

Siebentes Kapitel.