Tante Margarete war gekommen; sie brachte einen Hauch frischer Luft mit, ein Stückchen Welt, das den geordneten Haushalt beunruhigte, die Erwachsenen verdroß und die Kinder mit Staunen erfüllte. Ihre Ansichten, ihre ganze Art verstimmten den Bruder, der sich stets von neuem fragte, wie es denn möglich sei, daß dieses »verrückte Frauenzimmer« seine Schwester sei. Immer wieder lag ein gereiztes Wort auf seinen Lippen, eine zornige Entgegnung, doch fiel ihm stets rechtzeitig die Bitte seiner Frau ein: »Wilhelm, vertrage Dich mit Margarete, Du weißt, wie großmütig sie ist, und nun, da Friedrich nächstes Jahr dienen wird ... Ihre Konzerte tragen viel ein ...« Und seufzend schluckte der Gymnasialprofessor seinen gerechten Zorn hinunter und lächelte säuerlich.
Eine unklare Aufregung hatte auch die Kinder erfaßt. Ilse, die Fünfzehnjährige, betrachtete mit geheimem Neid die eleganten Kleider, fühlte sich abgestoßen von dem ungewohnten Luxus der Tante, schlich aber doch im Verborgenen in ihr Zimmer, betupfte sich vor dem Spiegel die Wangen mit Rosapuder, fuhr mit dem Schwarzstift über die blonden Augenbrauen, stahl ein wenig Parfüm für ihr Taschentuch. Friedrich, der sich mit seinen achtzehn Jahren äußerst erwachsen vorkam, versuchte Margarete gegenüber den Welterfahrenen zu spielen, wurde gutmütig von ihr ausgelacht und empfand von da ab eine ausgesprochene Abneigung gegen sie. Die beiden Jüngsten jedoch gingen bedingungslos zum Feind über; Gustav, der stets Eßbereite, erlag den Bonbons, die Margarete freigebig verteilte, streckte begeistert den schulmüden Körper auf dem Sofa, dem zahllose seidene Kissen die puritanische Härte geraubt hatten, und prahlte in der Schule mit der »berühmten« Verwandten. Lene war überhaupt nicht von der Tante fortzubringen; alles an Margarete deuchte sie ein zur Wirklichkeit gewordenes Märchen, selig klammerte sie sich an den einzigen Menschen, der anscheinend für jedes »Warum« eine Antwort hatte und so herrlich von der großen Welt zu erzählen wußte.
Ivan fühlte sich äußerst unbehaglich; er verstand zwar die Worte, die gegen sein Ohr schlugen, die ganze Umgebung jedoch deuchte ihn fremd und bedrückend. Der große blonde Mann mit der knurrenden Stimme flößte ihm Furcht ein, die Frau, die ihn so eifrig nach seinen »lieben Eltern« ausforschte, brachte ihn in Verlegenheit. »Was war Dein Vater?« »Ich weiß nicht. Er war hinter den schwarzen Mauern.« Verständnislos blickte Frau Selder den Knaben an. »Hinter den schwarzen Mauern?« »Ja, böse Menschen haben ihn gefangen gehalten.« Dunkle Röte stieg in Frau Selders blasses Gesicht. »Gefangen?« Und bei sich dachte sie: »Ein Verbrecher, ein Zuchthäusler! – in unserem ehrbaren Heim das Kind eines Verbrechers!« Auf das Schlimmste gefaßt, fuhr sie fort: »Und wodurch hat Deine liebe Mutter euch erhalten?« »Mütterchen, ich weiß es nicht; zuerst lebten wir in einem schönen Haus, dann ...« Margarete Selder kam ihm zu Hilfe. »Laß doch das arme Kind in Ruhe, Annie. Hab' ich Dich je nach Deinen Eltern ausgefragt?«
»Margarete!« Empörung schrillte durch Frau Selders Stimme. »Das ist doch etwas ganz anderes. Du weißt doch, daß mein seliger Vater Pastor war und mein Großvater Konsistorialrat und ...«
»Und Dein Urgroßvater wieder Pastor und so weiter bis zu Adam hinauf, ich weiß schon.« Margarete trommelte mit dem Finger ungeduldig auf den Tisch, das Licht fing sich in dem Diamantring, der diesen Finger schmückte, und dieser Anblick verlieh Frau Selder die Kraft, eine ärgerliche Antwort zu unterdrücken und sich mit einem ergebenen Seufzer zu begnügen.
Gleich am ersten Abend erregte Ivan in aller Unschuld großes Ärgernis. Herr Selder hielt täglich eine Abendandacht ab; am Morgen fand er hierzu keine Zeit, vielleicht glaubte er auch am hellichten Tag ohne den Schutz »unseres Gottes« auskommen zu können; in der Nacht jedoch, im unheimlichen Dunkel, war es gut, einen allmächtigen Bundesgenossen zu haben.
Die ganze Familie umstand den Eßtisch und Herr Selder las eintönig, salbungsvoll einen Psalm vor, dann sagte er: »Laßt uns beten.« Ivan, der bloß die letzten Worte verstanden hatte, schlug artig ein Kreuz. Strenge Blicke trafen ihn. Gustav und Lene begannen zu kichern. Nach der Andacht bemerkte Herr Selder in strengem Ton: »Ivan, Du bist hier in einem christlichen Haus, derlei Hokuspokus mußt Du Dir abgewöhnen; das sind törichte Aberglauben; verstehst Du?«
Ivan verstand nicht, ängstlich schmiegte er sich an Margarete. »Was habe ich Böses getan?«
Sie streichelte die dunklen Locken. »Du darfst kein Kreuz schlagen, Ivan, das beleidigt den Gott meines Bruders.« Und halblaut, zu Herrn Selder gewandt, meinte sie spöttisch: »Ihr habt komische Götzen, meine lieben Leute.«
»Margarete!«