Auch am folgenden Tag kränkte Ivan ohne böse Absicht die heiligsten Gefühle der Familie. Er stand im Wohnzimmer und betrachtete zwei große farbige Bilder, die über dem Sofa hingen: einen Mann mit aufgezwirbeltem Schnurrbart und eine perlenbehangene Frau. Dann fragte er Lene, zu der er das größte Zutrauen hatte: »Wer sind diese häßlichen Leute? Der Mann sieht aus, wie der Polizist auf unserer Straße.«
Einen Augenblick herrschte eisige Stille; dann lachte Margarete hell auf, und Friedrich rief wütend: »Verdammter Russenbengel!« Herr Selder aber sprach mit zornbebender Stimme: »Ivan, das darfst Du nie wieder sagen. Diese Bilder stellen unser erhabenes Herrscherpaar dar, von dem Du mit Ehrfurcht sprechen mußt.« Und milder, gleichsam die Unwissenheit dieses fremden Kindes bedauernd, fügte er erklärend hinzu: »Diese Bilder sind uns Deutschen ebenso lieb und verehrungswürdig, wie euch Russen die Bilder des Zaren und der Zarin.«
Lene zog Ivan fort ins Kinderzimmer. »Erzähl' mir von Rußland.« Ivan wußte nichts zu erzählen.
»Gefällt es Dir bei uns?« fragte das kleine Mädchen.
»Nein!«
»Mir auch nicht; wenn ich groß bin, gehe ich fort und komme nie wieder. Warum gefällt es Dir nicht?«
Ivan rang mit Gefühlen, die keinen Ausdruck fanden, schließlich meinte er: »Dein Vater sagt immer: »Du darfst nicht«. Was darf man denn bei euch tun?«
»Gar nichts, bloß still sein und folgen. Waren Deine Eltern auch so?«
»Mütterchen nicht, die war lieb und gut.« Und jählings überfiel den kleinen Knaben ein Gefühl grenzenloser Verlassenheit; Tränen stiegen ihm in die Augen, er begann bitterlich zu weinen.