Lene schlang die Arme um ihn. »Weine nicht, Ivan, ich werde zu Dir halten, und wenn wir größer sind, laufen wir fort nach Rußland, wo nicht immer alles verboten wird und die Menschen gut sind.«

»Wird Deine Schwester noch lange bei uns bleiben?«, fragte Frau Selder ihren Gatten beim Schlafengehen. Sie flocht eben das Haar zu einem festen Zopf; in einen braunen Barchentschlafrock gehüllt, die Füße in Filzpantoffeln, saß sie am Rand des Bettes. »Seit sie hier ist, ist mit Gustav und Lene nichts mehr anzufangen. Und dann kleidet sie sich so auffallend, heute noch hat mich die Frau Doktor gefragt, wer diese »gar so elegante Dame« sei, die bei uns wohnt. Außerdem – wenn sie übt –, sie singt immer diese schamlos leidenschaftlichen Liebeslieder. Was soll sich Ilse denken, wenn sie solche Worte hört? Ich bat Margarete, doch gerade diese Lieder nicht zu singen, wenn die Kinder daheim sind. Weißt Du, was sie sagte: ›Mein Gott, habt Ihr eine verdorbene Phantasie!‹«

Herr Selder putzte sich eben die Nägel mit seinem Taschenmesser und war zu sehr beschäftigt, um zu antworten. Seine Frau fuhr fort: »Hat sie denn von ihrer Abreise noch gar nicht gesprochen?«

»Nein. Dafür hat sie aber angedeutet, daß sie geneigt wäre, uns finanziell zu helfen, damit Friedrich in einem guten Regiment dienen könne. Sie scheint in den letzten Jahren viel verdient zu haben.«

»Merkwürdig, daß die Menschen so viel zahlen, um jemanden singen zu hören. Mir machen die Choräle in der Kirche weit mehr Freude als Margaretes Lieder. Freilich, wenn sie uns helfen will ... Wir müssen gut gegen sie sein, Wilhelm, schließlich ist sie doch Deine Schwester ... Und vielleicht wird sie der Aufenthalt in einem deutschen christlichen Heim günstig beeinflussen.«

Herr Selder stieg ins Bett. »Sprich Du einmal mit ihr über Friedrich, so ganz nebenbei.«

»Ja,« Frau Selders blaue Augen glänzten auf, »wenn ich bedenke, Wilhelm, unser lieber Junge in des Kaisers Rock! Er ist so stramm, so tüchtig, er könnte es beim Militär weit bringen.«

»Jetzt nicht, freilich, wenn es wieder einmal Krieg gäbe; dann ...«

Die Frau nickte.

Herr Selder verlöschte die Kerze.