»Heute hat Graf Stramwitz mit mir gesprochen, Annie; ein äußerst liebenswürdiger Herr. Sein Sohn kommt nach den Weihnachtsferien in meine Klasse; er ist in Gustavs Alter. Es wäre gut, wenn die beiden Knaben sich anfreunden würden. Der Graf war sehr freundlich, ein vornehmer, ritterlicher Mann, äußerst schneidig; ja, unsere Aristokraten können sich sehen lassen.«
»Auch ich war im Pensionat mit einer Gräfin befreundet, Wilhelm; ich habe ihr immer die Rechenaufgaben gemacht; wir sagten sogar »Du« zueinander. Du weißt doch, Wilhelm, ich habe ihr Bild noch und ...«
Aber Wilhelm hatte diese Geschichte wohl bereits an die hundertmal gehört. Er drehte wortlos sein Gesicht der Wand zu und schlief ein.
Die Kinder waren schlafen gegangen, Herr und Frau Selder saßen mit Margarete im Wohnzimmer.
»Also abgemacht, mein kleiner Ivan bleibt bei Euch, Ihr werdet ihn behandeln wie euere eigenen Kinder – natürlich ersetze ich Euch alle Unkosten – und dafür lasse ich Friedrich bei einem guten Regiment dienen.«
Auf Frau Selders blassen Wangen glühten hochrote Flecke. Sie war gar nicht damit einverstanden, das »Russenkind« zu behalten, andererseits aber konnte man doch das Friedrich betreffende Angebot nicht ausschlagen.
»Ich hoffe, liebe Schwester, Du siehst ein, welch großes Opfer unsere geschwisterliche Liebe Dir bringt, indem wir das fremde Kind in unser Heim aufnehmen.«
»Opfer?« Margaretes Stimme klang nicht gerade liebenswürdig. »Schließlich tut Ihr es ja nicht umsonst.«
Herr Selder überhörte geflissentlich den taktlosen Einwand. »Du kannst überzeugt sein, daß Ivan alle Vorteile der Erziehung genießen wird, die unseren Kindern zuteil werden. Ich will mein Möglichstes tun, um einen echt deutschen Mann aus dem Kinde zu machen.«