»Mach' lieber einen Menschen aus ihm. Das dürfte Dir allerdings schwerer fallen.«
»Margarete,« Rührung bebte aus Herrn Selders Stimme, »ich sehe mit tiefer Trauer, wie sehr Dich Dein kosmopolitisches Leben verdorben hat. Du scheinst jedes Heimatsgefühl verloren zu haben. Vergiß draußen in der großen Welt nicht, daß deutsches Blut in Deinen Adern fließt.«
Margarete lachte. »Ich hab' genug mit dem deutschen Blut zu kämpfen, Wilhelm, mit der deutschen Arroganz und Kleinlichkeit, um das je vergessen zu können.« Dann wurde ihr spöttisches Gesicht weicher, sie wandte sich an die Schwägerin: »Annie, ich weiß, was für eine gute Mutter Du bist, finde auch für das fremde Waisenkind ein Fleckchen in Deinem Herzen, hab' es lieb.«
»Ich werde ihm gegenüber meine Christenpflicht erfüllen.«
Margarete schauderte leicht zusammen. »Armer Ivan, wenn ich ihn doch lieber mitnehmen könnte.« Dann zu ihrem Bruder gewandt: »Also die Angelegenheit ist erledigt. Übermorgen fahre ich nach Hamburg.«
Frau Selder hatte noch etwas auf dem Herzen. »Wäre es Dir unangenehm, Margarete, wenn wir den Knaben Johannes nennen würden? Ivan klingt so fremdartig, so – so heidnisch.«
»Meinetwegen, nenn' ihn wie Du willst, vielleicht findest Du leichter ein wenig Liebe für den Johannes als für den Ivan, Du – Du – deutsche Seele!«
Am folgenden Morgen teilte Gustav Ivan vergnügt mit, daß er von nun an »Johannes« heiße und kein »Russenkind« mehr sei, sondern ein Deutscher.
Ivan nahm die Kunde teilnahmslos auf, der Gedanke, ohne Margarete bei diesen fremden Menschen bleiben zu müssen, bedrückte ihn so sehr, daß ihm alles übrige belanglos erschien. Anders Lene, die stampfte mit dem kleinen Fuß auf, begann zu weinen: »Das ist eine Gemeinheit! Nun wollen sie ihn genau so machen wie alle anderen. Laß es Dir nicht gefallen, Ivan!«
»Johannes,« verbesserte Gustav grinsend.