In den engen, dunklen Gassen des Judenviertels merkte man wenig von der Vorfrühlingspracht. Der schmelzende Schnee bedeutete Kot und Gestank; begrabener Schmutz wurde frei, dampfte im Sonnenschein, warf übelriechende Dunstwolken gegen die baufälligen Häuser. Auf den Gesichtern lag schwer die Sorge, erschreckte Augen blickten scheu die Straßen entlang, eine unbestimmte Angst schien hastende Füße in die Häuser zu treiben, ängstliche Mütter hielten die Kinder daheim und seufzten erleichtert auf, wenn der Mann abends heil die Stube betrat. Unausgesprochen, heimlich von bebenden Herzen geflüstert, lastete ein Wort auf der Stadt, rot wie Flammen und Blut, schwärzer als Winternacht. Unausgesprochen durchbrüllte es in greller Angst die Straßen, winselte in allen Ecken: Pogrom!
Wer hat es ausgesprochen? Welcher zitternden Lippe hat es sich entrungen, welch grimmer Zorn, welche boshafte Schadenfreude hat damit gedroht? Keiner weiß es; wie ein Ungeheuer hat es sich plötzlich erhoben, wächst an, streckt tausend Arme aus, wartet zusammengekauert auf den Augenblick des Sprungs.
»Wenn doch Ostern vorbei wäre,« flüsterten blasse Frauen und zählten furchtsam die Tage. Mittwoch, Donnerstag waren vorbei, noch zwei gefährliche Tage, Karfreitag, Karsamstag kamen heran. Wenn die Rechtgläubigen nicht mehr fasten mußten, wenn Eier und Schinken ihre Bäuche füllten, entspannten sich die Nerven; der Satte wurde sanft und träge. Noch ein Tag war zu fürchten.
Und dann, am Karsamstag-Abend brach der Sturm los. Erst war es ein böser Bubenstreich; Knaben kamen aus einem anderen Stadtviertel gezogen, warfen bei einem Krämer die Fenster ein: »Verfluchter Jud! Gottesmörder!« – Dies war nur erst das Signal. Schwarze Massen strömten jählings in die engen Gassen, mit Knüppeln und Revolvern bewaffnet, brüllend, tobend, alles überrennend. Sie drangen in die Häuser ein, Klagerufe, wilde Schreie stiegen auf. Stockhiebe sausten durch die Luft; weinende Kinder rannten wie toll durch die Gassen. Rohe Hände griffen nach schwarzen Frauenhaaren, Weiberkörper fielen, johlende Männer stürzten sich über sie. Der erste Tote, ein alter Mann, schien den Zorn der Angreifer bis zur Raserei zu steigern. »Erschlagt sie, die Hunde! Die grindigen Juden!« Tausend Stimmen vereinigten sich zu einem einzigen Schrei, tausend Hände zu einer mordgierigen Hand, tausend Seelen zu einem einzigen Haß. Die schwarze Flut stieg an, es gab kein Entrinnen. Wer sich zur Wehr setzte – mit der bloßen Hand, die Opfer besaßen keine Waffen –, wurde niedergeschlagen, wer um Gnade flehte, erlitt dasselbe Los. Verbissener Grimm, berechtigter Haß waren von kundiger Hand gegen Unschuldige gelenkt worden, um Schuldige zu schützen. Jahrhunderte alte Knechtung nahm Rache am Unterdrückten statt am Unterdrücker. Dunkel verwirrte Geister waren Werkzeug in unmenschlichen Händen.
Die Kosaken kamen wie immer zu spät. Ihre Pferde jagten über Leichen dahin, die Nagaika fiel auf Sterbende nieder. Die schwarze Flut wich zurück, verschwand; sie hatte ihre Arbeit getan. Tote mit zerschmettertem Schädel lagen zwischen den Trümmern ihres Heims, Verwundete stöhnten in Straßenecken; durch offene Türhöhlen gähnten schwarz verwüstete Stuben; halb wahnsinnige Menschen suchten in Schutt und Scherben nach den Ihren. Es begann zu dämmern. Aus schwarzer Angststille rang sich Weinen los, ungeheueres, verzweifeltes Weinen, und plötzlich begannen alle Glocken der Stadt zu läuten; Ostern; Christ ist erstanden!
Neugierige kamen, mitleidig die einen, voll böser Freude die anderen, alle nervengepeitscht, das Grauen genießend. Auch Nadja kam, in ihrem schönsten Sonntagsstaat, mit geschminkten Wangen, geschwärzten Augen. Sie schritt behutsam dahin, hob den Rock, trippelte mit ihren neuen Schuhen über Blut und Kot. Die Kosakenoffiziere kannten sie, nickten ihr lachend zu, wenn sie sich durch die Reihen drängte. Sie lächelte ein starres, etwas verächtliches Lächeln, schauderte bisweilen beim Anblick einer Leiche und strebte dennoch von unheiliger Neugier getrieben weiter.
Auf einer Türschwelle lag eine alte Frau mit eingeschlagenem Schädel, neben ihr hockte brüllend ein kleiner Knabe. Nadja blieb stehen. Das Kind erblickte sie und lief auf sie zu, packte sie beim Rock, barg den Kopf an ihren Knien. Unwillkürlich neigte sich Nadja zu ihm, streichelte den kleinen, schwarzen Kopf. »Warum weinst Du, mein Täubchen?«
Abgehackt, von Schluchzen zerrissen, kam die Antwort:
»Sie haben ... die Großmutter ... erschlagen.«
»Wo ist Dein Vater?«