Der alte Mann blickte lange forschend auf den Knaben.

»Ich weiß nicht, was Dich zu dieser Handlung hinriß, mein Sohn. Gott allein weiß, was sich in Dir geregt hat, darum will ich Dich auch nicht strafen; um so mehr, als auch Dein Kamerad im Unrecht war. Eines aber merke Dir, mein Kind, durch Schläge überzeugt man niemanden.«

Dieser Ansicht war Herr Selder freilich nicht; als er die Geschichte erfuhr, versuchte er auf höchst eindringliche Art, Johannes durch Schläge zu überzeugen, und auch Frau Selder verschonte den Sünder nicht mit bösen Worten.

»Warum hast Du's getan?« fragte Lene, als Johannes sich vorsichtig mit schmerzverzogenem Gesicht im Kinderzimmer neben sie aufs Sofa setzte.

»Ich weiß nicht, Lenchen, frage mich selbst, was mir einfiel, aber ich hätte ihn erschlagen mögen, als er das sagte.«

»Er wird's Dir heimzahlen wollen, aber wenn er Dich verprügelt, kratz' ich ihm die Augen aus!«

Seltsamerweise war der alte Pastor nach diesem Ereignis gütiger denn zuvor gegen Johannes, der, dem Lehrer zuliebe, mit doppeltem Eifer lernte. Bloß dies Jahr waren ihm plötzlich, er wußte selbst nicht weshalb, die Religionsstunden zuwider geworden. Die Schüler seiner Klasse wurden zum Abendmahl vorbereitet; die meisten blieben völlig unberührt, etliche ließen sich von religiöser Schwärmerei erfassen, Johannes hatte das Gefühl, als stünde er abseits, als trenne ihn plötzlich von den Kameraden und dem gütigen alten Lehrer eine unüberbrückbare Kluft. Mit wahrem Grauen dachte er an den Tag, da ihm vom Altar herab der Kelch gereicht werden würde. Die Worte: »Nehmet hin und trinket, dies ist mein Blut,« erfüllten ihn schier mit Ekel. Eines Tages suchte er den Pastor auf und erklärte ihm, er könne nicht zum Abendmahl gehen. Und wie an jenem Tag, da er in der Klasse den Kameraden geschlagen hatte, fragte ihn der alte Mann: »Weshalb?«

Und Johannes erwiderte wie an jenem Tage: »Ich weiß nicht, Herr Pastor.«

»Liebst Du den Heiland nicht, Johannes?«

»Doch, Herr Pastor. Aber ... aber anders als Sie es tun.«