Sie überwand ihre augenblickliche Verlegenheit. »Weißt Du, so wie die russischen Studentinnen es taten, früher, um von daheim fortzukommen. Ich würde Dich gar nicht stören. Bitte, Anatol, heirate mich.«

Er lachte. »Nein, Du kleine Närrin.«

»Weshalb?«

»Ich heirate keine Christin,« entgegnete er unliebenswürdig, »und dann wäre es für mich lächerlich, mit neunzehn Jahren heiratet man doch noch nicht. Um Gotteswillen, weine nicht, ich wollte Dich ja nicht kränken.«

Lene hatte sich an einen Baumstamm gelehnt und schluchzte bitterlich. »Das nennt man Freundschaft, eine so geringfügige Sache schlägst Du mir ab? Und wir haben doch geschworen, zusammenzuhalten, immer!«

Er war ernst geworden; das war kein trotziges Kind mehr, das hier so verzweifelt weinte, war eine gequälte junge Seele, die nach Freiheit schrie. Plötzliches Mitleid erfaßte ihn; er zog sie an sich. »Weine nicht, kleine Lene, verlier' nicht den Mut. Wenn es für Dich Arbeit gibt, komme ich Dich holen.«

»Bestimmt?«

»Ganz bestimmt!«


Man saß beim Hochzeitsdiner, Frau Selder wischte sich unentwegt die Augen, der Gymnasialprofessor plauderte liebenswürdig mit der Mutter des Bräutigams, das Brautpaar flüsterte miteinander und Friedrich, der Oberleutnant, machte seiner neuen Schwägerin den Hof.