Etwas im Ton der harten, spöttischen Stimme reizte die Frau.
»Weshalb?«
»Was hat unsere schöne Nadja mit schmutzigen Judenkindern zu schaffen?«
»Nimm mich mit,« bettelte leise, erschreckt die Kinderstimme.
»Kann ich das Kind zu mir nehmen, Gregor Stepanowitsch?« Nadja wußte selbst kaum, was sie zu dieser Frage trieb; war es der kalte Spott in des Mannes Gesicht, war es die bebende Angst, die ihre Knie umklammerte?
»Selbstverständlich, aber ... Ich verstehe nicht ...«
»Sie verstehen gar vieles nicht.« Weshalb fühlte sie, die rechtgläubige Russin, sich plötzlich eins mit diesem Kind eines verachteten Volkes? Weshalb sah sie in dem Manne vor sich den Feind, den hochmütigen, frechen Unterdrücker? Längst vergessene Bilder wirbelten in tollem Tanz durch ihr Gehirn; ein enger, übelriechender Kellerraum, ein kleines Mädchen mit langem, verrauftem Haar, ein blonder Knabe, der ihm Äpfel schenkte, eine kalte Winternacht, der blonde Knabe in Studentenuniform gefesselt zwischen Kosaken.
»Leb' wohl, kleine Nadja!« Die Kosaken reißen ihn fort, die Kosaken ...
»Sie verstehen gar vieles nicht,« wiederholte sie schroff und griff nach der Hand des Kindes. »Komm, mein Täubchen, ich will Dich mitnehmen.«
Das Kind an der Hand, bahnt sie sich ihren Weg; hochmütig, herausfordernd. Der kleine Knabe hat zu weinen aufgehört, er hält ihre Hand fest, starrt scheu und dennoch vertrauensvoll zu ihr auf. An einer Straßenecke wartet Nadjas Droschke; des Kindes Augen leuchten, es ist noch nie in einer Droschke gefahren. Unbeholfen klettert es auf den Schoß der Frau und schlingt die Arme um ihren Hals.