»Bei mir?«
Sie setzte sich auf die Lehne seines Stuhles, streichelte ihm das Haar, schilderte in beweglichen Worten ihr eintöniges, unerträgliches Leben im Elternhaus, schmeichelte, bettelte.
Er blickte sie bekümmert an. »Warum heiratest Du denn nicht? Du bist recht hübsch geworden, hast auch eine anständige Mitgift. Du müßtest doch einen Mann finden können.«
Lene lachte etwas weinerlich.
»Erstens hat mich noch niemand haben wollen, und dann heiraten? Ein Leben führen wie Ilse, bei der sich alles um das Kind und ihren gräßlichen Adolf dreht? Laß mich hier bleiben, ich werde Dich gar nicht stören.«
»Nicht stören! Heute abend habe ich durch Dich schon anderthalb Stunden verloren.«
»Das war bloß heute, bis wir alles besprochen haben. Gustav, ich bitte Dich.«
»Stoß nicht an den Schreibtisch, Du bringst meine Papiere in Unordnung. Mußt Du denn ausgerechnet bei mir wohnen? Du kannst doch in eine Pension gehen, ich werde Dich jeden Sonntag besuchen.«
»Das werden die Eltern nie zugeben.« Nun weinte sie wirklich, eng an den Bruder geschmiegt. Er streichelte ungelenk das krause Haar. »Paß doch auf! Du weinst mir meine Abhandlung naß. Neben mir ist noch ein Zimmer frei, dort könntest Du wohnen.«
»Wie gut Du bist!«