»Natürlich, was soll ich tun?«

»Er wird selbst darüber mit Dir sprechen.«

Sie gingen durch die frostige Winternacht. Ihre Schritte hallten scharf vom Trottoir wider. Nach einer Viertelstunde erreichten sie ein großes Haus.

»Boris wohnt im fünften Stock.«

Sie betraten ein geräumiges Mansardenzimmer, das Lene auf den ersten Blick mit Menschen erfüllt deuchte. Die alte Befangenheit überkam sie von neuem. In einem Bett an der Wand lag ein abgezehrter Mann mit grauem Haar, das schlecht zu seinem noch jungen Gesicht paßte. Johannes zog Lene ans Bett. »Das ist Boris. Boris, ich habe Dir meine kleine Schwester gebracht.«

Boris Isralew drückte dem jungen Mädchen kräftig die Hand. »Wir haben Sie schon erwartet. Setzen Sie sich, Genossin.«

Lene gehorchte; halb scheu, halb neugierig sah sie sich in der Stube um. Hier war es behaglicher als in Anatols Zimmer; auf Regalen standen unzählige Bücher, einige Bilder hingen an den Wänden, meist Porträte, darunter Männer in russischer Arrestantentracht; auf einem kleinen Tisch summte ein Samowar, sogar ein rotblühender Geranienstock schmückte das Zimmer. Sie ließ ihre Augen über die Anwesenden schweifen. Auf dem einzigen Lehnstuhl saß eine weißhaarige alte Frau mit feinen, vornehmen Zügen; sie plauderte angeregt mit Kerner, der ihr etwas zu erklären schien. Savin disputierte in einer Ecke mit einem blonden jungen Menschen. Ein alter, weißbärtiger Mann wärmte sich vor dem kleinen Ofen. Anatol fehlte.

Savin kam zu Lene herüber. »Sie wollen wohl wissen, wer die Leute sind? Bei uns gibt es kein feierliches Vorstellen, man lernt sich mit der Zeit kennen.«

Boris wurde verlegen. »Verzeihen Sie, ich vergaß ganz, daß Sie niemanden kennen. Erkläre Du, Savin, mich ermüdet das Reden.« Seine Stimme war heiser, er hustete. »Haben Sie sich erkältet?« fragte Lene unüberlegt. Boris lachte ein wenig. »Das gerade nicht, ich bin der unvermeidliche schwindsüchtige russische Jude, der in jedem revolutionären Kreis vertreten sein muß.«

Lene errötete heftig. Savin kam ihr zu Hilfe: »Also Deine Persönlichkeit ist schon erklärt, Boris. Wer interessiert Sie von den anderen am meisten?«