»Das ist ein Judenkind.« Nadja betont jedes Wort, »dem sie die einzig lebende Anverwandte erschlagen haben. Ich habe es zu mir genommen. Sind Sie mir böse, Michail?«
Fragend, bereit beim geringsten Widerspruch in Zorn auszubrechen, blickt sie den dicken Kaufmann an. Der aber scheint seine ganze Umgebung vergessen zu haben. Starr hängen seine Augen an dem blassen Kindergesicht, bohren sich in die zarten Züge, die trotz ihrer Unreife bereits die Rasse verraten. Seine fetten, mit Diamantringen geschmückten Hände zittern, er schluckt hörbar.
»Nun?« Nadjas Stimme klingt ungeduldig.
Der dicke Kaufmann zieht sein Taschentuch hervor und schneuzt sich heftig. Dann murmelt er halb zu sich: »Ein Judenkind! Eine Waise!« Und plötzlich mit verbissenem Zorn: »Möge Gott sie strafen!«
Nadja lächelt befriedigt. »Sie sind also nicht böse, Michail?«
Echtes Gefühl verleiht dem gedunsenen, roten Gesicht plötzliche Würde. »Gott wird es Ihnen lohnen, mein Täubchen. Und ... falls Sie einen Wunsch haben ...«
So blieb denn der kleine Ivan bei Nadja, schlief in einem weichen Bett, aß sich täglich satt, erhielt von Nadjas Freunden die herrlichsten Spielzeuge und wurde allmählich ein verwöhnter kleiner Herr.
Die ersten Wochen lastete das Erlebte noch schwer auf ihm. Er schrak zusammen, wenn er laute Stimmen hörte, wollte nicht auf die Straße gehen, fuhr des Nachts schreiend aus dem Schlaf. Auch um die Großmutter weinte er, um die treue, nimmermüde Liebe, die seine Kindheit schützend umhüllt hatte. Nadja war zu ihm gut und zärtlich, doch fand sie nie Zeit, sich mit ihm zu beschäftigen. Das Kind verbrachte seine Tage einsam in dem schönen, hellen Zimmer, das die Frau für den Knaben eingerichtet hatte.
Nach einigen Monaten war das Vergessen wie ein schwarzer Schleier auf Ivans Denken gefallen. Er kannte kein anderes Leben, als die behagliche Üppigkeit in dem schönen Hause; wußte nicht mehr, daß er gehungert und gefroren hatte, daß ihm auf der Straße große böse Buben »grindiger Judenbengel« nachgeschrien und ihn mit Steinen beworfen hatten.