»Nachher,« fuhr er fort, »spazierte ich planlos umher, merkte, in Gedanken vertieft, gar nicht, wohin ich kam, und befand mich plötzlich auf dem Friedrichsbahnhof. Da fiel mir Anatol ein; heute verstand ich ihn zum erstenmal. Ich betrat den Perron.« Er lachte ein wenig befangen. »Alles hat zusammengewirkt; es war soeben ein Verwundetentransport eingelaufen. Ihr wißt, ich bin nicht weichherzig, aber ich hätte heulen mögen bei dem Anblick, oder noch lieber ein paar Verbrecher erschlagen, die an allem schuld sind. Ist das nicht die richtige Stimmung für einen Revolutionär?«
Gioia fiel ihm um den Hals. »Lieber alter Gustav! Morgen werden wir Sie bei den ›Narren‹ einführen. Sagte ich es nicht, Johannes? Das Blut der Märtyrer ...«
Etwa eine Woche später stürzte Gustavs Wirtin aufgeregt in sein Arbeitszimmer: »Ein Herr Unterstaatssekretär und Professor Westwald fragen, ob Herr Doktor sie empfangen können?«
Gustav schnitt ein geärgertes Gesicht. »Die alten Trottel! Na gut, ich lasse bitten.«
Die beiden Herren erschienen und waren äußerst verbindlich und liebenswürdig. Gustav, der wohl ahnte, was der Zweck dieses Besuches sei, benahm sich zurückhaltend, fast unhöflich, was seine Gäste jedoch gar nicht zu bemerken schienen. Man sprach von allerlei gleichgültigen Dingen; schließlich wurde es Gustav langweilig, er unterbrach ein Kompliment des Unterstaatssekretärs mit den Worten: »Und welchem Umstande verdanke ich die Ehre dieses Besuches?«
Der Unterstaatssekretär betrachtete angelegentlich seine wohlgepflegten Nägel, räusperte sich und bemerkte: »Herr Professor Westwald hat mich bereits vor einiger Zeit darauf aufmerksam gemacht, daß Sie, Herr Doktor, sich mit der Herstellung giftiger Gase befassen. Wenn ich den Herrn Professor richtig verstanden habe, so ist Ihnen eine Zusammensetzung gelungen, die die bereits bekannten weit übertrifft.«
Gustav grinste. »Das will ich meinen, daß meine Formel besser ist.«
»Wir haben nun erwartet,« fuhr der Unterstaatssekretär salbungsvoll fort, »daß Sie, Herr Doktor, uns Ihre Erfindung anbieten würden. Da dies bis heute noch nicht geschehen ist, suchte ich Sie auf, um ...«
»Weshalb sollte ich Ihnen das Angebot machen?«