»Nichts, meine Liebe,« antwortete er in kaltem Tone.
»Aber wir haben doch genau gehört, daß Sie jemand dort hinaufgeführt haben.«
»Helene,« versetzte der General und sah seine Tochter an, die den Kopf zu ihm erhob, »bedenke, die Ehre deines Vaters hängt von deiner Verschwiegenheit ab. Du darfst nichts gehört haben.«
Das junge Mädchen antwortete mit einem bezeichnenden Kopfnicken. Die Marquise war verwundert über die Methode, die hier ihr Mann anwandte, um der Tochter Schweigen aufzuerlegen. Ja seine Worte gaben ihr einen Stich ins Herz. Der General holte eine Karaffe und ein Glas und stieg in das Zimmer hinauf, wo sich sein Gefangener befand. Der Mann lehnte mit entblößtem Haupte, aufrecht stehend, an der Wand, in der Nähe des Kamins. Den Hut hatte er auf einen der Stühle geworfen. Er war jedenfalls nicht darauf gefaßt gewesen, plötzlich so hellem Licht ausgesetzt zu sein. Seine Stirn legte sich in Falten, und sein Gesicht nahm eine besorgte
Miene an, als sein Blick den durchdringenden Augen des Generals begegnete; aber er beruhigte sich und zeigte ein freundliches Gesicht, um seinem Beschützer zu danken. Als der letztere das Glas und die Karaffe auf den Ofensims gestellt hatte, richtete der Unbekannte wieder einen so flammenden Blick wie zuvor auf ihn und brach das Schweigen.
»Mein Herr,« sagte er mit einer sanften Stimme, die nichts mehr von dem Röcheln von vorhin, doch noch immer ein inneres Beben verriet, »ich werde Ihnen absonderlich erscheinen. Entschuldigen Sie Absonderlichkeiten, die die Not gebietet. Wenn Sie hier bleiben, so bitte ich Sie darum, mir nicht beim Trinken zuzusehen.«
Ärgerlich, beständig einem Menschen gehorchen zu müssen, der ihm mißfiel, drehte der General sich brüsk um. Der Fremde zog ein weißes Tuch aus der Tasche, umwickelte sich damit die rechte Hand, ergriff dann die Karaffe und leerte sie auf einen Zug. Der Marquis hatte das stillschweigend gegebene Versprechen nicht brechen wollen, aber er blickte mechanisch in den Spiegel, und die gegenseitige Stellung der beiden Glasscheiben erlaubte ihm, den Fremden vollständig zu überschauen.
Da sah er denn das Tuch plötzlich sich rot färben; denn die Hände, die es berührten, waren voll Blut.
»Ah, Sie haben mich beobachtet,« rief der Mann, als er getrunken hatte. Er hüllte sich in den Mantel und betrachtete den General mißtrauisch. »Ich bin verloren – sie kommen, da sind sie!«
»Ich höre nichts,« sagte der Marquis.