»Ich denke, Julie, du hast Geheimnisse vor mir. Du liebst,« sagte der Greis eindringlich, als er seine Tochter erröten sah. »Ach, ich hatte gehofft, du würdest deinem alten Vater bis zum Tode treu bleiben, ich hoffte, dich bei mir zu behalten, mich an deinem Glück und Glanze erfreuen zu können, dich zu bewundern, schön, wie du eben noch warst! Solange ich nicht wußte, welches Geschick dir bevorstände, hätte ich noch glauben können, daß dir eine ruhige Zukunft beschieden sein werde; aber jetzt kann ich unmöglich die Hoffnung auf ein glückliches Leben meiner Tochter mit ins Grab nehmen; denn du liebst noch mehr den Oberst als den Vetter. Ich kann nicht mehr daran zweifeln.«
»Warum sollte ich ihn nicht lieben dürfen?« rief sie mit lebhafter Neugierde.
»Ach, meine Julie, du kannst mich ja doch nicht verstehen,« versetzte der Vater seufzend.
»Sprechen Sie immerhin,« erwiderte sie mit einer Gebärde des Eigenwillens.
»Gut, mein Kind, so höre mich an. Die jungen Mädchen erschaffen sich oft edle, entzückende Bilder, ganz ideale Gestalten und formen sich allerlei Hirngespinste
über Menschen, Gefühle und Welt. Dann verleihen sie in ihrer Unschuld einem Charakter all die geträumte Vollkommenheit und schwören nun darauf. Sie lieben in dem Manne ihrer Wahl dieses Phantasiegeschöpf; aber später, wenn keine Zeit mehr da ist, sich von dem Unglück zu befreien, verwandelt sich das Trugbild, das sie so verschönt haben, ihr erstes Götzenbild, schließlich in ein häßliches Skelett. Julie, mir wäre es lieber, du liebtest einen Greis, statt diesen Offizier. Ach, wenn du dich um zehn Jahre weiter ins Leben versetzen könntest, würdest du meiner Erfahrung recht geben. Ich kenne Victor. Seine Heiterkeit ist eine Heiterkeit ohne Geist – eine Kasernenheiterkeit; er ist ohne Talent und verschwenderisch. Er ist einer von jenen Männern, die der Himmel dazu geschaffen hat, an einem Tage vier Mahlzeiten zu genießen und zu verdauen, zu schlafen, die erste beste zu lieben und sich zu schlagen. Er versteht nicht, was Leben heißt. Sein gutes Herz – denn ein gutes Herz hat er – wird ihn vielleicht dazu verleiten, seine Börse einem Unglücklichen, einem Kameraden zu geben; aber er ist gleichgültig, er besitzt nicht die Zartheit des Herzens, die uns keine andere Sorge hegen läßt, als eine Frau glücklich zu machen. Er ist unwissend und egoistisch – kurz, es gibt da sehr viele Aber.«
»Er muß doch wohl Geist haben, mein Vater, und was können, sonst wäre er doch nicht Oberst geworden.«
»Meine Liebe, Oberst wird Victor auch sein Leben lang bleiben. Ich habe noch niemand gesehen, der mir deiner würdig erschienen wäre,« versetzte der alte Vater mit einer gewissen Begeisterung.
Er blieb einen Augenblick stehen, betrachtete seine Tochter und fügte hinzu:
»Aber, meine arme Julie, du bist noch zu jung, zu schwach, zu zart, um die Kümmernisse und die Mühseligkeiten der Ehe zu ertragen. D'Aiglemont ist ein Muttersöhnchen und von seinen Eltern ebenso verhätschelt worden, wie du von deiner Mutter und mir. Wie wäre es überhaupt möglich, daß ihr zwei unversöhnlichen Trotzköpfe, wenn ihr mal verschiedener Meinung seid, euch verständigen könntet? Du wirst da entweder Amboß oder Hammer, entweder Opfer oder Tyrann. Und ob nun das eine oder das andere, in jedem Falle ist dann die Summe der Leiden im Leben einer Frau gleich groß. Da du aber sanft und bescheiden bist, so wirst du wohl zuerst nachgeben. Schließlich bist du eben,« sagte er mit veränderter Stimme, »von einer Zartheit des Empfindens, die mißverstanden werden wird, und dann …«