Er sprach nicht weiter – Tränen hinderten ihn daran.
»Victor,« fuhr er nach einer Pause fort, »wird die naive Reinheit deiner Seele verletzen. Ich kenne das Militär, meine Julie. Ich habe auch unter Soldaten gelebt. Es kommt selten vor, daß bei diesen Leuten über die Gewohnheiten, die sie inmitten all des Unglücks, das sie umgibt, oder infolge ihres an Zufällen reichen Abenteurerlebens annehmen, zuletzt noch einmal das Herz den Sieg davonträgt.«
»Sie wollen also, mein Vater,« versetzte Julie in einem Tone, der zwischen Ernst und Scherz die Mitte hielt, »Einspruch gegen meine Liebe erheben? Ich soll nicht heiraten, wie ich will, sondern wie Sie es bestimmen?«
»Heiraten, wie ich es bestimme?« rief der Vater mit einer Bewegung des Erstaunens. »Ach, mein Kind, ich
und bestimmen! Bald wirst du ja doch meine Stimme, die, wenn sie auch schilt, doch in aller Liebe schilt, nicht mehr hören. Und das ist ja immer so, die Opfer, die die Eltern ihnen darbringen, schreiben die Kinder persönlichen Gefühlen zu. Heirate Victor, meine Julie! Eines Tages wirst du es bitter beklagen, eine Null zum Manne zu haben, und sein Mangel an Ordnungssinn, sein Egoismus, seine Gefühlsgrobheit, sein liebeleeres Gemüt und tausend andere Dinge werden dich an ihm schmerzen. Dann denke daran, daß unter diesen Bäumen die prophetische Stimme deines alten Vaters dir vergebens zu Ohren gedrungen ist!«
Der Greis schwieg – er hatte seine Tochter darüber ertappt, daß sie eigensinnig den Kopf zurückwarf. Alle beide taten ein paar Schritte nach dem Gitter, wo ihr Wagen Halt gemacht hatte. Auf diesem schweigsamen Gange betrachtete das junge Mädchen verstohlen das Gesicht ihres Vaters, und ihre trotzige Miene verschwand allmählich. Der tiefe Schmerz, der auf dieser zu Boden gesenkten Stirn ausgeprägt war, ging ihr sehr nahe.
»Ich verspreche Ihnen, mein Vater,« sagte sie mit sanfter Rührung, »Victor nicht eher vor Ihnen zu nennen, als bis Sie sich von Ihren Vorurteilen gegen ihn bekehrt haben.«
Der alte Herr sah seine Tochter erstaunt an. Ein paar Tränen traten aus seinen Augen und rollten die gefurchten Wangen hinab. Er konnte Julie nicht mitten unter diesen Menschen küssen, aber er drückte ihr liebevoll die Hand. Als er in den Wagen stieg, waren alle schmerzlichen Gedanken, die seine Stirn verfinstert hatten, entschwunden. Seine Tochter traurig zu sehen, beunruhigte ihn nun weit mehr, als die unschuldige Freude, deren Geheimnis
Julie während der Parade unwissentlich verraten hatte.