In den ersten Märztagen des Jahres 1814 – seit jener Parade vor dem Kaiser war noch nicht ganz ein Jahr verflossen, da rollte eine Kalesche auf der Chaussee, die von Amboise nach Tours führt. Als sie unter dem grünen Dach von Nußbäumen hervorfuhr, das sich um die Post von Frillière wölbt, zogen die Pferde mit solcher Schnelligkeit, daß der Wagen im nächsten Augenblick schon die über die Cise gebaute Brücke, wo dieser Fluß in die Loire mündet, erreichte und hier Halt machte.
Infolge der wilden Jagd, zu der ein junger Postillon auf Befehl seines Herrn vier der kräftigsten Postpferde angetrieben hatte, war ein Strang gerissen. So fügte es die Laune des Zufalls, daß die beiden Insassen der Kalesche, aus dem Schlummer erwachend, Muße hatten, eine der schönsten Landschaften zu betrachten, die man an den an Schönheiten reichen Ufern der Loire finden kann.
Zur Rechten übersieht man auf einen Blick alle Krümmungen der Cise, die sich wie eine silberne Schlange durch das Gras der Wiesen hinzieht, die die ersten Triebe des Frühlings um diese Zeit smaragden färbten. Zur Linken erscheint die Loire in all ihrer Herrlichkeit. Zahllose kleine Stellen, wo ein etwas frischer Morgenwind Wirbel auftrieb, spiegelten auf der weiten Wasserfläche, die dieser majestätische Strom entfaltet, den Schimmer der Sonne wieder. Hier und dort reihen auf der ausgedehnten Flut Inseln wie die einzelnen Teile eines Halsbandes sich aneinander. Am Ufer breiten die schönsten Gefilde der Touraine, soweit das Auge reicht, ihre Schätze aus. In der Ferne wird der Blick erst durch die
Hügel von Cher begrenzt, die in diesem Augenblick leuchtende Linien auf dem durchsichtigen Azur des Himmels zogen. Durch das zarte Laub der Inseln hindurch sieht man im Hintergrunde des Gemäldes Tours, das, wie Venedig, mitten aus der Flut aufzusteigen scheint. Die Türme der alten Kathedrale ragen in die Luft, wo sie sich an diesem Morgen in den phantastischen Gebilden einiger weißen Wolken verloren.
Jenseits der Brücke, an der der Wagen angehalten hatte, sieht der Reisende vor sich eine Kette von Felsen, die sich an der Loire entlang bis nach Tours hinzieht. Eine Laune der Natur scheint sie dorthin gestellt zu haben, um den Strom einzudämmen, dessen Wellen unaufhörlich das Gestein aushöhlen – ein Schauspiel, das stets das Staunen des Reisenden erweckt. Der Flecken Vouvray liegt gleichsam eingezwängt in die Schluchten und Gründe dieser Felsen, die vor der Cisebrücke ein Knie bilden.
Die gewaltigen Krümmungen dieser zerrissenen Hügelkette sind von Vouvray bis Tours von einer weinbauenden Bevölkerung bewohnt. An mehr als einer Stelle sind die Häuser in drei Staffeln mitten zwischen die Felsen eingebaut und durch gefahrvolle Stiegen, die in den Stein geschlagen sind, miteinander verbunden. Über der Spitze eines Daches sieht man ein Mädchen in rotem Rock in einen Garten laufen. Zwischen den Ranken und Reben von Weinstöcken steigt der Rauch eines Schornsteins auf. Dörfler arbeiten auf senkrechten Feldern. Auf einem abgerutschten Felsblock sitzt eine alte Frau und spinnt in aller Ruhe unter den Blüten eines Mandelbaums. Sie sieht auf die Reisenden zu ihren Füßen hinab und lächelt über deren Angst. Die Risse im Boden machen ihr ebensowenig Sorge wie die überhängenden Trümmer
einer alten Mauer, die nur noch durch die gewundenen Wurzeln eines Efeumantels vor dem völligen Zusammenbruch bewahrt ist.
Die Hammerschläge von Küfern hallen in den Gewölben luftiger Keller. Kurz, hier, wo die Natur dem Menschenfleiß Fuß zu fassen wehrt, ist die Erde überall bebaut und fruchtbar. So läßt sich auch auf dem ganzen Lauf der Loire nichts mit dem reichen Panorama vergleichen, das die Touraine vor den Augen des Reisenden ausbreitet. Das dreifache Gemälde dieser Szene, dessen Fülle hier kaum angedeutet worden ist, bietet der Seele eines jener Bilder, die sie sich auf ewig ins Gedächtnis schreibt; und wenn ein Poet sich daran erfreut hat, so träumt er oft davon, und im Traume baut sich dann das Bild mit romantischen Effekten märchenhaft auf.
In dem Augenblick, wo der Wagen an die Cisebrücke gelangte, tauchten mehrere weiße Segel zwischen den Loireinseln auf und brachten noch mehr Harmonie in diese harmonische Gegend. Die Weiden am Rande des Flusses mischten ihren durchdringenden Duft in die würzige feuchte Brise. Die Vögel zwitscherten ihre Liebeslieder; der eintönige Gesang eines Ziegenhirten fügte eine Art Melancholie hinzu, und das Rufen von Schiffern deutete auf reges Treiben in der Ferne. Leichter Dunst hing launisch um die in der weiten Landschaft verstreuten Bäume und trug zuletzt auch zu dem anmutigen Gesamtbild bei. Es war die Touraine in all ihrer Herrlichkeit, der Lenz in all seiner Pracht. Dieser Teil Frankreichs, der einzige, den die fremden Heere nicht behelligen sollten, war um diese Zeit auch der einzige, der ruhig war. Man hätte glauben können, die Invasion wagte sich nicht an ihn heran.
Ein Kopf mit einer Soldatenmütze sah zur Kalesche heraus, als sie die Fahrt einstellte. Gleich darauf öffnete ein ungeduldiger Soldat selbst die Tür und sprang auf die Straße, wie um den Postillon auszuzanken. Aber als der Oberst Graf d'Aiglemont sah, mit welcher Geschicklichkeit der Tourainer den zerrissenen Strang ausbesserte, beruhigte er sich. Er kehrte zum Wagenschlag zurück und reckte die Arme, als seien sie ihm eingeschlafen. Er gähnte, blickte über die Landschaft hin und legte die Hand auf den Arm einer jungen Frau, die sorgsam in einen Pelz eingewickelt war.