»Mein geliebtes Kind,« sagte er mit leiser Stimme zu ihr, »wenn eine seltsame Liebe plötzlich in deinem Herzen entstanden ist, so haben mir dein Herz, dein Leben voll Unschuld, deine reine, fromme Seele so viel Beweise deines Charakters gegeben, daß ich unmöglich glauben kann, es fehle dir nun an der nötigen Energie, eine Regung des Wahnwitzes zu bezähmen. Wenn du trotzdem daran festhältst, so steckt eben ein Geheimnis dahinter. Nun, mein Herz ist ein Herz voll Duldsamkeit, du kannst ihm alles anvertrauen. Und wenn du es zerrissest, mein Kind, so würde ich den Kummer still in mir tragen und über dein Bekenntnis ein unverbrüchliches Schweigen bewahren. Sprich, bist du etwa eifersüchtig auf unsere Liebe zu deinen Brüdern und deiner jüngeren Schwester? Hast du Liebeskummer? Fühlst du dich hier unglücklich? Sprich, erkläre mir die Gründe, die dich dazu treiben, deiner Familie den Rücken zu kehren, ihr ihren größten Schatz zu rauben, deine Mutter, deine Brüder, deine kleine Schwester zu verlassen?«
»Mein Vater,« antwortete sie, »ich bin weder eifersüchtig, noch in jemand verliebt, nicht einmal in Ihren Freund, den Diplomaten, Herrn de Vandenesse.«
Die Marquise erbleichte, und ihre Tochter, die das bemerkte, hielt inne.
»Muß ich nicht früher oder später sowieso unter dem Schutze eines Mannes leben?«
»Das ist wohl wahr.«
»Wissen wir jemals,« fuhr sie fort, »an was für ein Wesen wir unser Schicksal knüpfen? Ich – ich glaube an diesen Mann.«
»Kind,« sagte der General, die Stimme erhebend, »du bedenkst nicht, was alles für Leiden auf dich einstürmen werden!«
»Ich denke an sein Leid.«
»Was für ein Leben wird deiner harren?« rief der Vater.
»Ein Frauenleben,« antwortete die Tochter leise.