Die Marquise zitterte.
»Seit einiger Zeit,« antwortete sie, »war Ihre Tochter äußerst romantisch geworden und zeigte oft seltsame Überschwenglichkeit. Trotz all meiner Sorge, diesen Hang ihres Charakters zu bekämpfen …«
»Das ist nicht klar.«
Aber der General glaubte jetzt im Garten die Schritte seiner Tochter und des Fremden zu hören und sprach nicht weiter, sondern stürzte ans Fenster und riß es auf.
»Helene!« schrie er hinaus.
Die Stimme verhallte in der Nacht wie eine vergebliche Prophezeiung. Indem der General diesen Namen aussprach, der auf dieser Welt nun nichts weiter mehr war als ein Name, brach er wie durch Zauber den Bann, in den eine diabolische Gewalt ihn geschlagen hatte. Wie das Leuchten eines Geistes huschte es ihm übers Gesicht. Er sah deutlich die Szene vor sich, die sich eben abgespielt hatte, und verwünschte seine Schwäche, die ihm unbegreiflich war. Wie eine heiße Welle flutete es ihm vom Herzen zum Kopfe und zu den Füßen. Er wurde wieder er selbst, und in schrecklicher Wut, in rasendem Rachedurst stieß er einen fürchterlichen Schrei aus.
»Hilfe! Hilfe!«
Er rannte zu den Klingeln und zog an den Schnüren, als wollte er sie zerreißen, und erweckte so ein Schellen aller Glocken, wie man es im Schlosse noch nie vernommen hatte. Alle seine Leute fuhren entsetzt aus den Betten. Er schrie noch immer, riß die Fenster nach der Straße auf, rief die Gendarmen, fand seine Pistolen, feuerte sie ab, um die Reiter, seine Leute und die Nachbarn zu schnellerem
Laufe anzutreiben. Die Hunde erkannten nun die Stimme ihres Herrn und bellten, die Pferde wieherten und stampften. Es war ein schrecklicher Tumult in dieser ruhigen Nacht. Als der General die Treppe hinablief, um hinter seiner Tochter herzueilen, sah er seine entsetzten Leute von allen Seiten zusammenkommen.
»Meine Tochter! – Helene ist entführt worden! – Geht in den Garten – bewacht die Straße – laßt die Gendarmen herein – sucht den Mörder!«