»Schlafen möchte ich.«
Plötzlich hörte man den Galopp eines Pferdes. Victor d'Aiglemont ließ die Hand seiner Frau los und sah nach der Biegung hin, die die Straße an dieser Stelle machte. Als Julie den Blick des Obersten nicht mehr auf sich ruhen fühlte, verschwand der Ausdruck der Heiterkeit, den sie ihrem blassen Gesicht gegeben hatte, wie wenn ein Licht aufgehört hätte, es zu beleuchten. Sie hatte weder Lust, die Landschaft noch einmal zu betrachten, noch verlangte sie danach, zu erfahren, wer der so ungestüm einhergaloppierende Reiter wäre, sondern lehnte sich in die Ecke des Wagens zurück, und ihr Blick blieb, ohne eine Spur von Gefühl zu verraten, auf die Kruppen der Gäule geheftet. Sie sah ebenso stumpfsinnig drein, wie etwa ein bretonischer Bauer, wenn er die Litanei seines Pfarrers anhört.
Ein junger Mann auf einem kostbaren Pferde sprengte plötzlich aus einem Wäldchen von Pappeln und blühendem Weißdorn hervor.
»Es ist ein Engländer,« sagte der Oberst.
»O, mein Gott ja, Herr General,« antwortete der Postillon. »Er gehört zu der Rasse von Kerlen, die wie man sagt, Frankreich auffressen wollen.«
Der Unbekannte war einer von den Reisenden, die sich gerade auf dem Festlande befanden, als Napoleon zur Strafe für die Verletzung des Völkerrechts, die das Kabinett von Saint-James durch den Bruch des Vertrags von Amiens begangen hatte, alle Engländer im Lande festhielt. Der Willkür der kaiserlichen Macht ausgesetzt, blieben diese Gefangenen nicht alle an den Orten, wo sie in Haft genommen wurden, noch in denen, die sie sich im Anfang als Aufenthalt hatten wählen dürfen. Die Mehrzahl derer, die in diesem Augenblick in der Touraine weilten, waren aus verschiedenen Orten des Kaiserreichs, wo ihre Anwesenheit dem Interesse der Kontinentalpolitik zu schaden schien, hierher versetzt worden. Der junge Gefangene, der in diesem Augenblick in einem Ritt seine morgendliche Langeweile spazieren führte, war ein solches Opfer bürokratischer Macht.
Vor zwei Jahren hatte ein Befehl vom Ministerium des Äußern ihn aus dem Klima von Montpelliers hinwegführt, wo er von einem Brustleiden Genesung suchte. Diese Kur wurde nun durch den Bruch des Friedens unliebsam beendet. In dem Augenblick, wo der junge Mann einen Militär in d'Aiglemont erkannte, beeilte er sich, dessen Blicke zu vermeiden und wandte ziemlich brüsk den Kopf nach den Wiesen der Cise hin.
»Alle Engländer sind unverschämt, als wenn ihnen der Erdball gehörte,« murmelte der Oberst. »Glücklicherweise wird Soult sie in die Kandare nehmen.«
Als der Gefangene an dem Wagen vorüberritt, warf er einen Blick hinein. So flüchtig dieser Blick war, konnte
er doch den melancholischen Ausdruck bewundern, der dem Antlitz der Gräfin einen unbeschreiblichen Reiz verlieh. Es gibt viele Männer, deren Herz schon durch den bloßen Anblick einer leidenden Frau mächtig ergriffen wird. Für sie scheint der Schmerz ein Beweis für Treue und Liebe zu sein. Julie sah starr auf ein Kissen des Wagens und bemerkte weder das Pferd noch den Reiter.