Inzwischen war der Strang rasch, aber auch fest ausgebessert worden. Der Graf nahm wieder Platz im Wagen. Der Postillon gab sich Mühe, die versäumte Zeit einzuholen, und kutschierte in schneller Fahrt auf der von überhängenden Felsen eingefaßten Chaussee hin. Dies war derjenige Teil der Straße, wo die Weine Vouvrays reifen und wo in der Ferne die berühmten Ruinen von Marmontier, dem Zufluchtsort des heiligen Martin, auftauchen.

»Was will denn dieser spindeldürre Mylord von uns?« rief der Oberst, der sich umsah und in dem Reiter, der von der Brücke aus dem Wagen gefolgt war, den jungen Engländer erkannte.

Da jedoch der Unbekannte keinen Verstoß gegen Anstand und Höflichkeit beging, wenn er auf der Chaussee spazieren ritt, so lehnte der Oberst sich in die Wagenecke zurück und begnügte sich damit, dem Engländer einen drohenden Blick zugeworfen zu haben. Allein trotz seiner Voreingenommenheit entging es ihm nicht, daß das Pferd überaus schön war und der Reiter sich sehr gut hielt.

Der junge Mann hatte eins jener ausgesprochen britischen Gesichter, deren Teint so zart, deren Haut so sammetweich und weiß ist, daß man manchmal glauben möchte, sie gehörten einem jungen Mädchen an. Seine Kleidung war von der Zierlichkeit und Sauberkeit, die den

Modestutzern des fashionablen England eigentümlich ist. Man hätte meinen mögen, er errötete beim Anblick der Gräfin mehr aus Verschämtheit als aus Vergnügen.

Ein einziges Mal erhob Julie die Augen zu dem Fremden, und auch dazu hatte sie gewissermaßen erst von ihrem Manne aufgefordert werden müssen. Er sagte, sie solle sich doch mal die Beine eines echten Rassepferdes ansehen. Da begegneten die Augen Juliens denen des schüchternen Engländers. Von diesem Moment an ließ der Edelmann sein Pferd nicht mehr im Schritt neben der Kalesche hergehen, sondern folgte in einiger Entfernung. Die Komtesse beachtete den Unbekannten kaum. Sie hatte keinen Blick für die Vollkommenheiten weder der Menschen- noch der Pferderasse, die ihn und sein Tier auszeichnen mochten, und sank in die Tiefe des Wagens zurück, nachdem sie nur flüchtig die Brauen emporgezogen hatte, wie um dem Lobe ihres Mannes beizustimmen.

Der Oberst schlummerte wieder, und die beiden Gatten langten in Tours an, ohne weiter ein Wort miteinander gewechselt zu haben. Den entzückenden Landschaften und wechselnden Bildern, durch die die Fahrt ging, widmete Julie keine Aufmerksamkeit. Mehrmals betrachtete Frau d'Aiglemont ihren schlafenden Gatten. Beim letzten Blicke, den sie auf ihn richtete, fiel infolge eines heftigen Rucks, den der Wagen machte, ein Medaillon, das sie an einem Trauerbändchen um den Hals trug, in ihren Schoß, und so sah sie plötzlich das Bild ihres Vaters vor sich.

Bei diesem Anblick stürzten die bisher zurückgehaltenen Tränen aus ihren Augen. Vielleicht bemerkte der Brite die nasse, schimmernde Spur, die diese Zähren auf

einen Augenblick an den bleichen Wangen der Komtesse hinterließen, doch an der Luft trocknete diese Spur schnell.

Graf d'Aiglemont reiste im Auftrage des Kaisers und hatte dem Marschall Soult, der Frankreich gegen einen Einfall der Engländer in das Königreich Navarra verteidigen sollte, wichtige Befehle zu überbringen. Er benutzte seine Mission, um seine Frau der Gefahr zu entziehen, in der damals Paris schwebte, und wollte sie nun zu einer alten Verwandten nach Tours bringen. Binnen kurzem rollte die Kalesche über die Brücke hinweg, hatte das Straßenpflaster von Tours unter sich und bog in die Grande Rue ein, wo sie vor dem altertümlichen Hause der ehemaligen Marquise de Listomere-Landon hielt.