Die Marquise de Listomere-Landon war eine jener alten, blassen, weißhaarigen Frauen, die ein feines Lächeln haben, einen Reifrock tragen und sich mit einer Haube von unbekannter Mode putzen. Die Porträts von siebzigjährigen Damen aus dem Zeitalter Ludwigs XV. haben immer etwas Wohltuendes an sich; es ist, als ob diese Frauen noch immer liebten. Sie sind weniger fromm als gottergeben, und auch das nicht ganz so, wie es den Anschein hat. Sie duften immer nach Puder à la maréchale, erzählen hübsch, plaudern noch angenehmer und lachen über Anekdoten aus den alten Zeiten weit herzlicher als über einen Witz. An der Gegenwart haben sie kein Gefallen.
Als eine alte Kammerfrau der Gräfin (denn sie durfte ihren Titel bald wieder führen) den Besuch eines Neffen meldete, den sie seit dem Anfang des spanischen Feldzugs nicht mehr gesehen hatte, nahm sie die Brille ab und klappte die »Galerie des alten Hofs« – ihr Lieblingsbuch – zu. Dann setzte sie ihre alten Beine noch einmal
in fast jugendliche Bewegung und betrat gerade in dem Augenblick die Treppe, als die Ehegatten die Stufen hinaufzusteigen begannen.
Tante und Nichte warfen sich einen raschen Blick zu.
»Guten Tag, liebe Tante,« rief der Oberst, umarmte die alte Dame und küßte sie mit Hast. »Ich führe Ihnen da eine junge Dame zu, die Sie in Ihre Obhut nehmen sollen. Ich vertraue Ihnen damit mein Kleinod an. Meine Julie ist weder kokett noch eifersüchtig, sie ist ein Engel an Sanftmut. – Aber sie wird hier hoffentlich zum Schoßkindchen,« setzte er hinzu, sich unterbrechend.
»Bösewicht!« antwortete die Marquise, ihm einen spöttischen Blick zuwerfend.
Sie bot als erste mit einer gewissen liebenswürdigen Anmut Julien den Mund zum Kusse. Die junge Frau stand nachdenklich da und schien mehr neugierig als verlegen.
»Wir werden einander also näher kennen lernen, mein liebes Herz?« sagte die Marquise. »Haben Sie nicht zuviel Angst vor mir. Im Umgang mit jungen Leuten gebe ich mir alle Mühe, nicht alt zu sein.«
Ehe sie in den Salon traten, hatte schon die Marquise nach der in der Provinz üblichen Sitte ein Frühstück für ihre Gäste bestellt; aber der Graf gebot der Redseligkeit seiner Tante Einhalt, indem er ihr in ernstem Tone mitteilte, er könne ihr nur so viel Zeit widmen, wie zum Wechseln der Pferde nötig wäre.
Die drei Verwandten traten rasch in den Salon, und der Graf mußte sich beeilen, um seine Tante von den politischen und militärischen Ereignissen zu unterrichten, die ihn nötigten, für seine Frau bei ihr Schutz zu suchen. Währenddessen blickte die Tante zwischen ihrem fortwährend