»Kindereien, Albernheiten all das!« rief die Tante, deren vertrocknetes Gesicht sich plötzlich unter einem fröhlichen Lächeln belebte – einem Abglanz ihrer Jugendzeit.

»Und auch Sie – Sie lachen!« sagte die junge Frau in Verzweiflung.

»Ich bin ebenso gewesen,« antwortete die Marquise schlagfertig. »Sind Sie nicht jetzt, wo Victor Sie allein gelassen hat, wieder junges Mädchen und ruhig geworden? Ein junges Mädchen, das keine Liebesfreude mehr hat, aber auch kein Liebesleid?«

Julie machte große, fast stumpfsinnige Augen.

»Nun ja doch, mein Engel, Sie beten Victor an, nicht wahr? Aber Sie möchten weit lieber seine Schwester als seine Frau sein, und das Eheleben ist eben gar nicht Ihr Fall?«

»Nun denn – ja, Tante. Aber warum lächeln Sie dazu?«

»O, Sie haben recht, mein armes Kind. All das ist nicht zum Spaßen. Ihre Zukunft würde Ihnen mehr als ein Unglück bescheren, wenn nicht ich Sie unter meine Obhut nähme, und wenn meine langjährige Erfahrung mich nicht die ganz unschuldige Ursache Ihres Kummers hätte erraten lassen. Mein Neffe hat sein Glück nicht verdient, der Tropf! Unter der Regierung unseres vielgeliebten fünfzehnten Ludwig würde eine junge Frau in Ihrer Lage den Gatten bald bestraft haben, wenn er sich wie ein ungeschlachter Landsknecht benommen hätte! Der Egoist! Die Soldaten dieses kaiserlichen Tyrannen sind durch die Bank unwissende Bösewichter! Sie halten Brutalität für Galanterie; sie kennen die Frauen nicht mehr und verstehen nicht zu lieben. Sie glauben, die Aussicht, doch bald in den Tod zu gehen, entbände sie von Rücksicht und Aufmerksamkeiten gegen uns. Früher wußte man ebenso gut zu lieben wie zu sterben – beides zu gleicher Zeit. Meine Nichte, ich werde Ihnen den Mann erziehen.

Ich werde dem traurigen, doch ganz natürlichen Mißstand ein Ende machen. Wenn das so weiterginge, würden Sie einander schließlich hassen und die Scheidung herbeiwünschen, sofern Sie nicht daran sterben, ehe es zu diesem verzweifelten Ende kommt.«

Julie hörte ihrer Tante mit Erstaunen, ja wie betäubt, zu, verwundert, Worte zu vernehmen, deren Richtigkeit von ihr mehr geahnt als eingesehen wurde, und ganz entsetzt, aus dem Munde einer vielerfahrenen Verwandten, nur in milderer Gestalt, den gleichen Einwand wiederzuhören, den ihr Vater gegen Victor erhoben hatte. Sie hatte vielleicht eine lebhafte Ahnung dessen, was ihr bevorstände, und empfand ohne Zweifel schon die Last des Unglücks, das sie bedrücken sollte, denn sie vergoß Tränen und warf sich in die Arme der alten Dame mit den Worten:

»Seien Sie mir Mutter!«