Die Tante weinte nicht; denn die Revolution hat den Frauen aus dem alten Königreich das Weinen abgewöhnt. Erst die verliebte Lebensweise und dann die Schreckensherrschaft haben sie mit den schmerzlichsten Umstürzen vertraut gemacht, so daß sie nun in den Gefahren des Lebens eine kalte Würde und eine aufrichtige Zuneigung, doch ohne jede Überschwenglichkeit, bewahren. Auf diese Weise vergessen sie darüber nie die Etikette und eine Vornehmheit des Benehmens, die die neuen Sitten sehr zu Unrecht verpönt haben.

Die Matrone nahm die junge Frau in die Arme und küßte sie auf die Stirn, mit einer Zärtlichkeit und Anmut, die bei diesen Frauen oft mehr Manier und Gewohnheit als Sache des Herzens ist. Sie tröstete ihre Nichte mit süßen Worten, versprach ihr eine glückliche Zukunft,

half ihr beim Schlafengehen und schläferte sie mit liebevollen Vesprechungen ein, ganz als wenn Julie ihre Tochter gewesen wäre – eine geliebte Tochter, deren Hoffnungen und Kümmernisse sie zu ihren eigenen machte; sie sah sich noch einmal jung in ihrer Nichte, fand sich in ihr noch einmal als unerfahrenes, hübsches Mädchen.

Glücklich, eine Freundin gefunden zu haben, eine Mutter, der sie hinfort alles sagen könnte, schlief die Komtesse ein. Als sich am folgenden Morgen Tante und Nichte mit der tiefen Herzlichkeit und in dem Einverständnis küßten, die einen Fortschritt im gegenseitigen Fühlen, eine noch vollständigere Verkettung zweier Seelen beweisen – vernahmen sie den Schritt eines Pferdes, wandten gleichzeitig den Kopf und erblickten den jungen Engländer, der langsam, wie seine Gewohnheit war, vorbeiritt.

Er schien in gewissem Sinne das Leben, das die beiden einsamen Frauen führten, studiert zu haben und unterließ nie, sich einzufinden, wenn sie beim Frühstück oder beim Mittagessen saßen. Sein Pferd ging von selbst im langsamen Schritt – er brauchte ihm keinen Wink zu geben; und in der Zeit, die es brauchte, an dem Raum zwischen den beiden Fenstern des Eßzimmers vorbeizukommen, warf Arthur einen melancholischen Blick hinein, meistens ohne von der Komtesse irgendwie beachtet zu werden.

Die Marquise hatte sich die philisterhafte Neugierde angewöhnt, die sich an die kleinsten Dinge heftet, um dem Leben in der Provinz Abwechslung zu verleihen, und von der sich selbst überlegene Geister nur schwer freihalten. Sie fand großen Spaß an der schüchternen, ernsthaften, und so stillschweigend offenbarten Liebe des Engländers. Diese Blicke im Vorüberreiten gehörten nun schon zur Tagesordnung,

und jedesmal begrüßte sie Arthurs Vorbeikunft mit einem neuen Scherz.

Als sich die beiden Frauen an diesem Morgen zu Tische setzten, erblickten sie den Insulaner zu gleicher Zeit. Diesmal begegneten sich Juliens und Arthurs Augen so voll und unverhohlen, daß die junge Frau errötete. Sogleich gab der Engländer seinem Pferde die Sporen und verschwand im Galopp.

»Aber, Madame,« sagte Julie zu ihrer Tante, »was ist da zu machen? Wer den Engländer hier immer vorbeireiten sieht, muß ja doch merken, daß ich –«

»Jawohl,« antwortete die Tante, sie unterbrechend.