Diese Brüste! Sie blähten sich auf, quollen über, und nur mit Mühe hielt sie der speckige Rand der schwarzen, zusammengehaftelten Kammgarnbluse zurück, sich über die Fensterbank auf das holprige Pflaster zu stürzen. Die Sonnenstrahlen vom Giebel des Automatenrestaurants kamen der Bluse zu Hilfe. Steil stellten sie sich—es war Mittag—gegen besagte Fleischesfülle.
Mutter Dudlinger allein schien nichts zu bemerken vom Widerstreit ihrer Massen im Kampf ums Licht. Harmlos und freundlich lag ihre Seele gewissermaßen zwischen Busen und Körper mitten inne und schaute, umhegt von sanft hängendem Speck, aus listigen äuglein gutmütig heraus.
Flametti grüßte hinauf, den Kopf stark in den Nacken gebeugt. Die
Gasse war eng. Und Herr Engel ebenfalls grüßte hinauf, rief wie
Flametti "Salü!" und griff an den Hut.
Mutter Dudlinger streckte den Kopf aus dem Fenster, schluckte den Speiserest, der sich vom Mittagessen unversehens noch irgendwo zwischen den Speicheldrüsen gefunden hatte, und verfolgte voll Sympathie den Eintritt der stattlichen Männer in ihr gastfreies Haus. Sie bemerkte dabei zu ihrer Verwunderung heute zum ersten Mal, daß unter dem Fenstersims eine ganze Anzahl höchst niedlicher Schmutzfähnchen flatterten, die sich aus langen, auf das Gesims gefallenen Regentropfen gebildet hatten und über die Hausfront hinunterwehten.
Die Männer stiegen indessen die steile Treppe hinauf, und Engel befand sich, immer hinter Flametti stapfend, von Stufe zu Stufe mit kindlicheren Gefühlen den rückwärtigen Massen seiner mütterlichen Protektorin gegenüber, die mit gelüpftem Posterieur noch immer die Regenfähnchen der Hausfront bestaunte.
Es war eminent! Ein lächerlich kleiner Erker war der Unterbau dieser ganzen bedenklichen Last, die man Mutter Dudlinger nannte. Unterbau einer Fülle, von der man sich von der Straße aus nicht einmal einen Begriff machen konnte.
Ein Wunder, daß dieser Erker im nächsten Moment nicht krachend zusammenbrach und samt der guten Mutter Dudlinger in eine mysteriöse Tiefe hinunterstürzte. Erstaunlich, wenn man's bei Tag besah, daß man in diesem Erker sogar zu dreien sitzen konnte! Und Engel hatte mit Mutter Dudlinger und Mary zu dreien darin gesessen. Man hatte gesprochen vom Krieg, vom Konzert, von den schlechten Zeiten; im Zimmer nebenan hatten die Sektpfropfen geknallt, und Mary hatte gegähnt, weil ihr Kavalier aus Chaux-de-Fonds eine Anspielung machte auf ihre Gesundheit. Da hatte sie sich natürlich zurückgezogen und spielte die Beleidigte. Und Mutter Dudlinger hatte die Blätter der künstlichen Rebe zurechtgebogen und eingesprochen auf Mary. Aber es half nichts. Sie war beleidigt.
Als Flametti und Engel oben in die Stube traten, stand die Suppe
bereits auf dem Tisch. Um den Tisch saßen: Herr und Frau Häsli nebst
Tochter, das Jodlerterzett; Herr Arista, der Damenimitator; Fräulein
Laura, die Soubrette, und Herr Meyer, der Pianist; Bobby, der
Schlangenmensch, und das Lehrmädchen Rosa. Sämtlich mit Löffeln und
Schlucken beschäftigt.
Herr Häsli hatte die Serviette vorgebunden, damit er sein gutes Hemd nicht beflecke. Bobby schlarpste. Jennymama, Flamettis Frau, saß malerisch auf der Sofakante bei der Schlafzimmertür, rosig wie eine Venus, im lachsfarbenen Schlafrock, den sie mit der rechten Hand sorgsam über die Hüften geschlossen hielt. Das offene Haar, mit Wasserstoffsuperoxyd gebeizt, war flüchtig zurückgestrichen. Die Suppenschüssel dampfte. Und der Pianist benutzte den günstigen Augenblick, um sich zum dritten Mal Suppe zu schöpfen.
"Mahlzeit!" sagte Flametti breit.