Der Pianist, dem Ausbrecherkönig gegenüber, schmunzelte in seinen
Teller hinein und erwiderte sehr belustigt die Zeichen des mit dem
Kopf andeutenden Schlangenmenschen, der seinerseits mit Messer und
Gabel den Fisch zerhackte, daß sich die Gräten bogen.
Frau Häsli wurde aufmerksam und war rot vor Wut. Doch beherrschte sie sich, drängte den ärger zurück und rief mit unglaublich gesüßter, doch etwas gewaltsam flott gemachter Zutraulichkeit:
"Na, Herr Direktor, wie geht's, wie steht's? Geld brauchen wir.
Können wir dann auch die Gage kriegen?"
Herr Häsli war konsterniert. Eben wollte er eine neue Fracht Fisch auf der Gabel zum Munde führen und hatte schon auf dem Messerrücken den Kartoffelsalat bereit, um ihn zum selben Zweck auf die Gabel zu wälzen. Da mußte er dieses unglaublich taktlose Wort vernehmen, jetzt bei Tisch, wo man aß, wo Flametti gerade gekommen war und kaum saß.
Die schon erhobene Gabel senkte sich auf den Teller zurück. Herrn Häslis straffes Gesicht bekam Käsefarbe. Die Augen, eben noch versöhnlich und ungestört an der spitzen Nase vorbei auf das Messer gerichtet, schnellten mit einem hörbaren Ruck nach rechts gegen die biestige Ehehälfte, und es hätte nicht viel gefehlt, so wäre er aufgesprungen, ihr eine Watsche herunterzuhauen.
Aber dabei hätten Stühle umfallen müssen, weil man so eingekeilt saß.
Dabei wäre notwendig das Tischtuch heruntergezerrt worden. Also
beherrschte er sich und blieb, zitternd vor Empörung, in drohendster
Pose erstarrt, still sitzen.
Das war doch die Höhe! Herr Häsli kannte Flametti seit Jahren. Wußte, daß er die Gagen nie schuldig blieb. Wußte, daß die Verlegenheit, in der sich Flametti befand, nur momentan war und nichts besagte. Wußte auch, daß die vielen Fischgerichte, die Flametti da auftischen ließ, nur seinen guten Willen verrieten, durchzuhalten um jeden Preis. Da soll einem nun die Geduld nicht reißen, wenn solch obstinates Weibsstück in ihrer spitzigen Kribbeligkeit keine Raison annahm! Man hat doch Erziehung! Man ist doch kein Schubiack! Man hat doch, zum Teufel, die Welt gesehen!
Herr Häsli hatte indessen gut denken! Er war ein Faulenzer, ein Nichtstuer, er hatte sich immer nur den Magen gestopft und die Frau schuften lassen. Beim Norddeutschen Lloyd war er Steward gewesen. In unterschiedliche Phonographen hatte er gejodelt zu Berlin und Paris. War auch mal II. Klasse gefahren, von Potsdam nach Wien, eines Phonogramms wegen. Aber was schon! Das war vor Jahren, als er die Stimme noch hatte. Das war vorbei. Jetzt hatte sie, Lotte Häsli, ihn durchzuschleppen. Wie ein Lastvieh kuranzte er sie. Immer singen und singen. Bei zwanzig Grad Kälte in den eiskalten, verschmierten, kleinen Hotels. Tagaus, tagein. In Bern: dreißig Nummern an einem Sonntag, von nachmittags drei bis nachts elf. Sie hatte es durchgemacht. Sie hatte genug. Sie kannte die Herren Direktoren. Aus war's. Sie wollte nichts mehr wissen davon. Wenn einer ihr nur in die Nähe kam—genügte schon, daß er ein Mannskerl war—fuchtig wurde sie. Die Hand weg! Wenn man nicht einmal ordentlich zu essen kriegen sollte bei solchem Betrieb, ja geschuriegelt wurde—immer nur singen und singen und etwa noch Schläge—lieber den Strick um den Hals!
Frau Häsli hatte zu essen nicht nachgelassen. Mit Messer und Gabel hantierte sie eifrig. Zwei schwarze Löckchen fielen ihr zier und adrett, schwarze Bockshörner, leicht in die Stirn. Diese Stirn, eigensinnig, gedrungen, von einer kurzen, nur schlecht verheilten Narbe gezeichnet, war nicht eben häßlich.
"Mach' mal 'n bißchen Platz!" rief sie der Tochter zu, um deren Fuß sich unter dem Tisch der Damenimitator lebhaft und dringend bewarb.