"So hat er ausgesehen. Das ist er. Ach, mein guter Emil! Sie haben ihn sicher schon totgeschossen!"

Und wenn sie dann die Photographien ansah—da stand Emil Leporello, freundlich lächelnd mit Augen eines Dompteurs, den Arm in die Seite gestützt, die Beine übereinander geschlagen—und sich vergegenwärtigte, wie er zerhackt und gevierteilt auf einer Rasenbank in Sibirien den Raben zum Fraß überlassen dalag und nach ihr rief: "Lydia, hierher, zu mir!" dann brach ihr das Herz. Herunter hing ihr der Unterkiefer, herunter hingen ihr die Augenlider, die Arme. Ein kleiner Tropfen bildete sich an der spitzen Nase. Ausbrach sie in lautes Heulen und war untröstlich.

Umsonst versicherte man ihr, er sei gewiß noch in der Kaserne, und wer weiß, ob er jemals, wenn er doch nur seine Eckzähne habe und nicht gut beißen könne, hinauskomme in den Schützengraben.

Kein vernünftiges Wort verfing. Kein Scherzwort genügte ihr. Sie hatte genug von der Welt. Dem Hauptmann wollte sie schreiben, hinreisen zu ihm, sich niederwerfen vor ihm, sich ihm anbieten zu jeder Schmach, wenn er ihr nur ihren Emil wiedergebe. Eine Deklassierung der Zirkusartisten fand statt, eine Nivellierung innerhalb des Ensembles.

Ja die Apachenpartei, die unter empfindsamen Regungen weniger litt, gewann langsam wieder die Oberhand.

Monsieur Henry, der Ausbrecherkönig, beherrschte jetzt völlig die
Rolle der Zeugin Emilie Schmidt. Und Herr Piener, der
Schlangenmensch, unter dem überragenden Druck der Begabung Leporellos
nicht länger leidend, arbeitete sich unter täglichen Trainagen und
Fräulein Lauras geneigter Assistenz langsam wieder in den Vordergrund.

Einen wirklichen Knacks aber erlitt die moralische Situation des Ensembles, als man dahinterkam, Flametti habe einen Prozeß, und als man erfuhr, um was für einen Prozeß es sich handelte.

"Kinder!" rief Raffaëla, und ein Licht ging ihr auf, "habt ihr gehört, was der Alte für einen Prozeß hat? Verführung Minderjähriger, das Schwein. Soll man das glauben? Schabernackelt hat er mit der Güssy und mit der Traute!"

Sie setzte sich—es war im Zimmer des Pianisten und der
Soubrette—und ließ die Hand auf die Tischkante fallen.

"Das ist nichts Neues", meinte Bobby, der für Laura Zigaretten besorgt hatte und den fadenscheinigen Wollschal, der ihm von der Schulter gerutscht war, über die Schulter zurückwarf. "Schon in Bern hat er mit denen was gehabt, bevor sie noch zu uns kamen."