"So weit es an mir liegt", versicherte der und reichte dem Meyer zitternd vor Ergriffenheit die Hand, "ein Mann, ein Wort."

Flamettis Prozeß war binnen kurzem stadtbekannt. Und wie es zu gehen pflegt, wenn eine solche Sache publik wird: man zog sich zurück von ihm, nahm Partei gegen ihn, fand ihn übertrieben naiv und reichlich ungeschickt. Man verurteilte ihn.

Im "Intelligenzblatt" erschien ein Brandartikel, "Moderne
Sklavenhalterei", worin Punkt für Punkt Flamettis unhaltbare
Geschäfts—und Familienpraxis ans Licht gezerrt wurde.

"Ein Direktor, der zugestandenermaßen nichts von Gesang versteht", hieß es in jenem Artikel, dessen Verfasser keinen Anspruch erhob, als Autor genannt zu werden, "ein Direktor, der zugegebenermaßen nicht das leiseste Tonunterscheidungsvermögen besitzt, hält sich eine Anzahl Gesangselèven, denen er seine sauberen Künste beibringt; Gesangselèven, die er zugleich als Dienstboten benutzt; die er zwingt, ihm zu Willen zu sein, und denen er doch als Entgelt nur schlechte Behandlung verabfolgt.

"Ein Morast sittlicher Verkommenheit enthüllt sich, wenn man die Schlupfwinkel dieser modernen Sklavenhalterei, diese Brutstätten des Elends aufsucht. In Kellern und Hinterhäusern hausen die Kondottieri der Lasterquartiere und Dirnenviertel. Ein Absteigequartier dient als Schauplatz wilder Gelage, als Treff—und Versammlungspunkt, wo man die Beute verspielt. Mädchenhändler und Bauernfänger, Roués der hintersten Sorte geben sich hier ein Stelldichein. Und der Direktor preist seine Ware an. Wahrlich, es ist an der Zeit, daß die Polizei einschreitet und diese Schlupfwinkel säubert."

So stand es geschrieben und wenn auch Flamettis Name nicht genannt war, so wußte doch jeder, daß der Artikel auf ihn ging.

Beim großen Artistenfest in der "Weißen Kuh" reichte man sich den Artikel von Hand zu Hand, ein klebriges Heiligtum, mit verständnissinnigem Lächeln und unterdrücktem Gezwinker.

Da war besonders Herr Köppke, Baritonsolo und Offiziersdarsteller bei
Ferrero, der laut Partei nahm für die beiden Mädel und die Moralität.

"Schweinerei von dem Menschen", erklärte Herr Köppke mit der Resonanz
eines Gemeindesängers, "Blamage für unseren ganzen Stand. Die
Konzession werd' ich ihm entziehen lassen. Seinen Ausschluß aus dem
Klub werde ich beantragen. Das geht doch zu weit!"

Herr Köppke war Schriftführer der Artistenloge "Edelstein", deren
Logenbruder auch Flametti war.