Und immer: das menschliche Interesse an seinem Mitglied stand im Vordergrund. Herr oder Dame: ihn interessierte zumeist, was sie erlebt und gesehen hatten. Gute Manieren. Kein Engagement ohne tagelange vorherige Beobachtung. Schicksale muß jemand gehabt haben, um interessant zu sein für Flamettis Ensemble. Schicksal brachte Vielseitigkeit mit sich, Überraschungen, Anlagen, Geist. Seine Mitglieder mußten sich bewegen können. Welt mußten sie haben. Versiert mußten sie sein. Vornehmheit war nicht seine Sache. Dahinter steckte nicht viel. Deklassierte Menschen, gerempelte Personnagen sind die gebornen Artisten. Im Druck muß man gewesen sein, um Artist zu werden.
Unter fünfzig Mädels, die auf der Straße das Täschchen schwenkten, waren zwanzig Soubretten. Es kam nur darauf an, sie davon zu überzeugen. Unter fünfzig Apachen, die keiner beachtete, zwanzig Ausbrecherkönige, Zauberkünstler, Jongleure. Es kam nur darauf an, sie zu finden und durchzusetzen. Und gerade darin bestand Flamettis Genie, seine Popularität, seine Magie.
In seinem Ensemble wurden Sprachen gesprochen: englisch, französisch, dänisch, sogar malayisch. Man hatte die Welt gesehen. Man hatte sich redlich bemüht und kannte das Leben.
Gefängnis, Skandal, Freudenhaus, Fahnenflucht waren kein Einwand.
Artisten kommen aus einer anderen Welt. Sind keine Bürger. Aus
Unterdrückung werden Artisten. Wo keine Defekte sind, sind keine
Menschen. Buntheit, Zauber, Exotik: nur aus Verzweiflung.
Dementsprechend war auch Flamettis Verhältnis zu seinen Artisten.
Kameradschaft, nicht Abhängigkeit. Freiheit, nicht Zwang. Vertrauen,
keine Verträge. Gage muß sein: sowieso. Aber was nützte der beste
Vertrag, wenn der Direktor einmal nicht zahlen konnte?
Hier setzte Flamettis Verläßlichkeit ein. Er war dann imstande, mit Angeln sein ganzes Ensemble zu halten. Ein anderer Direktor stellte die Zahlungen ein.
Bei Flametti konnte man aus—und eingehen, auch wenn man nicht mehr auf seinen Brettern stand. Bei welch anderem Direktor noch? Was Flametti besaß, gehörte auch seinem Ensemble. Es war nicht sein Ehrgeiz, Geld zu machen, Bankkonto und dergleichen. Sein Ehrgeiz war, eine Truppe zu haben.
Kostüme? Machte man selbst. Nummern? Erfand man sich. Er selbst, Flametti, hatte er nicht aus einer Robbe ein Seeweibchen gemacht, als Not am Mann war? Und aus Engel einen Ausbrecherkönig? Demselben Engel, der Speckschneider gewesen war bei der Handelsmarine? Eine Kiste hatte er ihm gebaut, woraus mittels einer im Innern angebrachten Mechanik selbst bei vernageltstem Zustand leicht zu entkommen war. Handfesseln hatte er ihm gearbeitet mit einem Raffinement, daß "Henry" mit einem Ruck seiner zarten Gelenke innerhalb drei Minuten im Freien stand.
Freilich: Solche Gelenke aus gutem Hause gehörten dazu und ein wenig Geschick. Aber "Henry" schaffte es. Kein Mensch hätte vorher daran geglaubt. Eine Berühmtheit war aus ihm geworden, über Nacht.
Welcher Direktor erlebte die Überraschung, daß seine Soubrette als
Gamsbua auftrat und Schnadahüpfl sang, nur aus Jokus? Oder daß der
Pianist die Klampfn nahm und der Jodler das Piston?