Der delikatere Teil seiner Aufgabe stand ihm bevor.
So leicht, wie Jenny sich vorstellte, war es nicht, im "Krokodil" engagiert zu werden. Herr Schnabel, der Krokodilwirt, kannte die Vorzüge seines Lokals zu gut, als daß er für jeden Schnorrer wäre zu haben gewesen. "Centrale Lage" stand auf den Empfehlungskarten seines Hotels. Und dem Krokodil, das über dem Eingang prangte, sagte man nach, daß es vorzeiten wirklich am Nil sein Unwesen getrieben, allwo es, etliche Heiden und Christen im Magen, dem Büchsenschuß eines Verwandten des Herrn Schnabel erlegen war, um gegerbt und entkröst als Emblem dem Ruf des Herrn Schnabel zu mehrerem Glanz zu verhelfen.
Nein, es war gar nicht leicht, im "Krokodil" anzukommen. Denn es war eine Ehre.
Wer bei Herrn Schnabel spielte, war ein gemachter Mann. Wen Herr
Schnabel auftreten ließ, war ein Ehrenmann. Ein von Herrn Schnabel
vollzogener Kontrakt war ein Ausweis und Leumundszeugnis. Herr
Schnabel, mit Annahme und Ablehnung, teilte Zensuren aus.
Aber Flametti würde es schaffen. Er hatte sich's vorgenommen. Und hier ist es am Platz, zu sagen, daß Flametti keineswegs unvorbereitet um eine Konferenz mit Herrn Schnabel nachsuchte. Er hatte die spielfreien Abende benützt: er hatte sich umgesehen. Mit Jenny im "Germania-Cabaret": Stanislaus Rotter, Schnelldichter und Conférencier—man hatte ihn seine Schmonzes vortragen hören; seinen redegewandten Improvisationen nicht ohne Gewinn gelauscht. Er war es, von dem Flametti das Heil erwartete.
Angenommen, der Rotter, alter Bekannter von Max, Stadtgröße, würde sich, nur für ein einziges Mal, bestimmen lassen, Flametti ein Ensemble zu schreiben, ein unerhörtes, ein buntes, nie dagewesenes Gesangstableau: es würde die Kassen füllen, die Konkurrenz totschlagen, und wäre ein voller Ersatz für den Türken.
Freilich: hingehen mußte man, zu ihm, in seine Wohnung; ihn bitten, devotest, um soviel Güte. Aber wer weiß: vielleicht würde er's tun. Ein gutes Ensemble von ihm, exotisch, wild, mit der Streitaxt, brutal—und alles wäre in Ordnung. Herr Schnabel würde nicht Nein sagen können: schon wegen der Konkurrenz. Die Konkubinatsstrafe könnte beglichen werden. Die Schwierigkeit wäre behoben.
Flametti hatte, wie gesagt, den Tschibuk aus der Tasche genommen, und was war natürlicher, als daß er dabei an Ersatz für den Türken dachte?
"Lauf, hol' mir ein Paket Goldshag!" sagte er zur Kellnerin, die neugierig den Tschibuk bewunderte, und gab ihr Geld. Steckte das Rohr des Tschibuks in den Mund, blies hindurch, probierte den Zug und besah die Arbeit. Es war die erste stille Minute seit früh um halb sechs.
"Ah, Flametti!" trat der Herr Wirt freundlich näher, "wie geht's, wie steht's? Pfeife rauchen?"