"Was soll ich denn tun? Er kommt mir ja nicht mehr nach Haus! Er läßt sich ja nicht mehr blicken! Er verspielt ja das ganze Geld! Sechshundert Franken hatten wir auf der Kasse. Alles ist fort. Auto fährt er mit ihnen. Ins Kino führt er sie. Er ist der Häuptling Feuerschein und sie sind seine Trullen.—Mit der Soubrette hat er auch was. Vor zwei Stunden ist er weggegangen. Heut nachmittag kommt er zurück. Und hier geht alles drunter und drüber. Der Engel hat die Plakate noch nicht abgeholt und jetzt ist es zehn. Die Häsli wollen nicht singen heut abend und wir haben doch niemanden. Kein Geld läßt er mir für die Haushaltung und mutet den Leuten zu, sechsmal Fisch zu essen in der Woche. Natürlich laufen sie weg….."
Raffaëla schüttelte den Kopf ob solcher Unglaublichkeiten:
"Ja, Jenny, ist das denn möglich?"
"Ah, du hast 'ne Ahnung!" seufzte die, wirklich mitleiderregend, ganz zersprengtes Gesicht, "ich weiß mir ja nicht mehr zu helfen!"
"Ja, Jenny!" rief Raffaëla, "ich bin ja starr!"
Und Jenny bemerkte wohl den Erfolg der Affäre und ihrer Person und begann, sich selber zu trösten:
"Aber laß nur gut sein", sagte sie, "ich hab' ja auch meine Leute an der Hand! Ich hab' ja meinen Freund aus Baden! Heut abend kommt er in die Vorstellung. Ich hab' ja Kavaliere. Ich brauche ja nur ein Wort zu sagen. Brauche ja nur einen Wink zu geben… Ich laß ihn ins Irrenhaus stecken…"
"Jenny!"
Aber Jenny, unbeirrt: "Ich laß ihn ins Irrenhaus stecken, meiner Seel. Ich schaffe mir Geld beiseite und geh' mit meinem Freund auf und davon."
Das schien Raffaëla ein wenig zu abenteuerlich. "Ach, Jenny!" lächelte sie beschwichtigend, und patschte liebreich nach Jennys Hand. "Lottely, schau, wie sie eifersüchtig ist!" Und mästete sich weiter.