Es kam, sah und strömte: Frau Schnepfe, in Begleitung Flamettis und der Hauptfrau im Abendmantel des Herrn Coiffeurs Voegeli. Das Publikum wich ehrerbietig zurück.

Es kamen, sahen und strömten: zwei israelitische Handlungskommis, rote Nelken im Knopfloch; der obgenannte Coiffeur Herr Voegeli, der seinen Regenschirm ausschüttelte; denn es regnete inzwischen. Und späterhin eine ganze Reihe Mannschaften des Fußballklubs "Hermes".

Drinnen aber herrschten Fieber und Spannung. Der ganze Raum war verwandelt in ein Gehänge blühender Rosenranken. Künstliche Lauben aus Birkenruten zogen sich an der Wand lang. Festtagscharakter trug das Lokal.

Die Tische waren sämtlich mit rotgewürfelten Decken belegt. Saftige Kuchen—und Tortenstücke strahlten auf blinkenden Nickeltellern. Die Plattmenagen mit öl, Pfeffer und Salz warfen gescheuert das elektrische Licht unzähliger kleiner blutroter Birnen zurück. Verschwunden war der getrocknete Rand am Senfnapf. Und so man den Löffel bewegte, der darin steckte: heut war er nicht angeklebt. Es ließ sich bewegen.

Versammelt waren bereits sämtliche Damen von Ruf. Vorne am Künstlertisch, wo sie heute nicht gerne gesehen war, saß Fräulein Amalie in braunem Samtkostüm mit Bolerohut, schon seit halb acht. Den Zwergpintscher hatte sie auf den hohen Busen gesetzt. Das gab ihr viel Air. Ihre Beine, elastische Sägmehlbeine, baumelten unter den Tisch, und sie spielte mit einer der Hängrosenranken. Eine Zigarette rauchte sie. Ihr Verhältnis war Eisenbahner; heute hatte er Nachtdienst. Brillanten blitzten an ihren Fingern. Die spitzigen Halbschuhe aus feinstem Rindsleder reichten nicht ganz auf den Boden. Auch schien das Strumpfband gerissen: die braunen Wollstrümpfe knäulten sich unter den Waden. Das Hündchen aber auf seiner exponierten Stelle drehte den knappen Popo und konnte sich gar nicht genugtun vor Freude, dabeizusein.

Weiter drüben, auf den besten Mittelplätzen, saßen der runzliche "Totenkopf" und seine Schwester. Der "Totenkopf" war die berufenste Dame der Fuchsweide. Allabendlich Gast des Flametti-Ensembles. Weiß geschminkt, die Augenhöhlen gerötet, saß ihr Gesicht auf dem kropfigen Hals. Unruhig schob sie das Hinterquartier auf dem Stuhl hin und her, blickte sich um nach den eintretenden Gästen, band sich das Strumpfband fester und schob währenddessen den sechsten Kuchen zwischen das goldne Gebiß. Sie konnte sich's leisten. Die Schwester des "Totenkopf" hatte das Ledertäschchen über die Stuhllehne gehängt, tupfte die rote Nase ein wenig mit Puder und Taschentuch, und juckte sich mit dem linken Fuß an der abgewetzten Innenseite des rechten Knies.

An der Wand gegenüber, bescheiden in Rückendeckung, hatte sich Fräulein Annie, die Freundin Engels, ein helles Bier bestellt, ihren Fuchspelz loser gehängt; besah sich die Fingernägel, aus denen sie mittels eines zerknickten Streichholzes die Erdkrumen zu verdrängen suchte, und war sehr besorgt, mit der Manicure nicht fertig zu werden, bevor sich ein Herr mit schottischem Schäferhund, der jetzt eintrat, allenfalls zu ihr setzte, um ihr Gesellschaft zu leisten.

Sie lächelte kopfschüttelnd, als sei sie erstaunt, zu lächeln, konnte jedoch ihren Hals nicht recht drehen, weil ein Furunkel dransaß.

Dieser Furunkel: ein Unglück! Er wanderte über den ganzen Körper. Bald da, bald dort tauchte er auf, gesellte sich andern Furunkeln zu und konnte schon bald den Eindruck erwecken, als sei er ein ganz besondrer Furunkel. Annies fixe Idee war, er möchte von heute auf morgen am Hals verschwinden und zwischen den Zähnen auftauchen. Drum zog sie die Oberlippe stets hoch und die Unterlippe hing ihr vom Munde weg. Doch jener Furunkel tat das nicht.

Der Herr trat näher und sagte verbindlich: