Noch aber hatte die Fuchsweide ihre letzte Verführung nicht ausgespielt: die Echtheit inmitten einer Welt des Scheins; das Wunder als Resultat unerhörter Perversitäten. Von wem aber konnte man solche Leistung erwarten? Nur von Flametti.
Man staute sich vor den breiten Reklamefenstern des "Krokodilen". Da stand vor dem großen Aquarium voll blaugrauer Karpfen das Plakat der "Indianer": Flametti als Häuptling Feuerschein.
So sah er aus! So leibte und lebte er! Das war die Synthese seiner inneren Eigenschaften!
Wer hatte ihn nicht gesehen, mittags um zwölf, wenn man von der Arbeit kam, vor der Haustüre, in Hemdärmeln, gutartig und freundlich? Wer hatte ihn nicht gesehen früh morgens, wenn er mit Jenny vom Markte kam und die Markttasche trug mit den Karotten? Er war nicht immer der Furchtbare, Blutige. Zahm und umgänglich war er privatim, ein friedlicher Bürger viel mehr als ein Menschenfresser.
Unter dem Plakat aber stand: "Alleiniges Aufführungsrecht: Flamettis
Varieté-Ensemble", ein Hieb für die Herren Direktoren. Und der Satz:
"Wer die 'Indianer' nachmacht, wird gerichtlich verfolgt."
Das Publikum stieß sich und drängte sich; auch vor dem zweiten Reklamefenster. Dort standen die Bildertafeln und ein zweites Plakat: "50 Mann Blasorchester! Beginn: acht Uhr. Großartiges, allerneustes Programm! Tanz! Tanz! Tanz! Lauter Schlager! Es wird kassiert!"
Las es und strömte hinein ins "Krokodil".
Es kam, sah und strömte: Herr Friedrich Naumann, kurzweg der
"Krematoriumfritze" genannt, einer von Jennys scharfen Verehrern.
Es kamen, sahen und strömten: Fräulein Annie nebst Herrn Engel, welch letzterer seinen schwarzen Gehrock angezogen hatte: "Annie!" sagte er, "es wird großartig! Verlaß dich drauf!"
Es kamen und strömten: Raffaëla und ihre Schwester Lydia, sowie deren
gemeinschaftliche Mutter Donna Maria Josefa, nebst einer ganzen
Anzahl männlicher Zirkusmitglieder, die alle nicht zahlten, weil sie
Artisten waren.