Da kamen denn auch wohl ernstere Unterhaltungen auf die Bahn, zu denen besonders Wilberforce jetzt mehr und mehr hinzuneigen begann, und infolge deren sich dann Pitt, der dem Christentum und der Religion überhaupt sehr kühl gegenüberstand, wohl überreden ließ, mit dem Freunde die Kirche zu besuchen.
Im Herbste des Jahres 1783 machten die beiden Freunde eine gemeinsame Reise nach Frankreich und suchten und fanden dort nicht blos Gelegenheit, mit den bedeutendsten Männern Frankreichs bekannt zu werden, sondern fanden auch Zutritt an den königlichen Hof. Ihr Aufenthalt dauerte jedoch nur 6 Wochen, weil sich für Pitt die Aussicht eröffnete, daheim das Haupt eines neuen Ministeriums zu werden, und er deshalb seine Rückkehr beschleunigen mußte. Wirklich wurde er auch gegen Ende des Jahres von dem Könige zu diesem hohen Posten berufen und hatte es seinem Freunde Wilberforce zu danken, daß die zahlreichen Gegner, die seine Wahl zu hintertreiben suchten, nichts ausrichten konnten.
Die meisten dieser Gegner gehörten nämlich der Grafschaft York an und waren Wilberforce zum größten Teile bekannt, sodaß er hoffen konnte, eine Einwirkung auf sie ausüben zu können. Er eilte deshalb sogleich in seine heimische Grafschaft und kam gerade zurecht, um einer Versammlung beiwohnen zu können, worin eine Bittschrift an den König gegen Pitt beschlossen werden sollte. Er ergriff darin das Wort und trat so feurig und kräftig für seinen Freund ein, daß alles dem gewaltigen Redner zujauchzte und selbst die erbittertsten Gegner Pitts nicht mehr wagten, gegen diesen den Mund aufzuthun.
Und was war der weitere Erfolg dieser Rede? Der einmütige Beschluß der Versammlung, den Redner als Vertreter der ganzen Grafschaft ins Parlament zu schicken, ein Beschluß, der denn auch trotz aller Anstrengungen einer Gegenpartei bei den nächsten Wahlen zur Ausführung gebracht wurde.
Damit hatte Wilberforce, der ja, um selbständig zu zu bleiben, weder ein Amt noch einen Sitz im Oberhause jemals annehmen wollte, die höchste Ehrenstufe erreicht, die bei solchem Vorsatze für ihn zugänglich war und war nun als Vertreter der größten Grafschaft Englands noch weit mehr als bisher im stande, seinem Freunde Pitt eine kräftige Unterstützung angedeihen zu lassen, wo er derselben benötigt war und wo es Wilberforce mit seiner gewissenhaften Überzeugung vereinigen konnte.
Im Herbste des Jahres 1784 machte Wilberforce in Gemeinschaft mit seiner Mutter und seiner Schwester eine Reise nach Nizza und Italien, die nach Gottes Rat für die Gestaltung seines inneren Lebens eine sehr bedeutungsvolle Wendung herbeiführen sollte.
Bisher hatte es nämlich Wilberforce trotz der Mahnungen seines Gewissens, trotz des je und dann mit Macht bei ihm hervorbrechenden Gefühles, daß es um sein inneres Leben nicht so stehe, wie es sollte, noch nicht über sich gewinnen können, mit seinem Christentum rechten vollen Ernst zu machen und ungescheut den Weg zu betreten, den ihn seine fromme Tante als den alleinigen Weg des Heils hatte kennen lehren. Das öffentliche Leben mit den großen Anforderungen, die es an sein Sinnen und Denken stellte, die Zerstreuungen des geselligen Lebens, denen er sich in London nicht entziehen konnte und mochte, hatten immer wieder die ernsten Vorsätze zu Schanden gemacht, die er wohl in seiner ländlichen Einsamkeit gefaßt hatte. Damit sollte es jetzt anders werden.
Mutter und Schwester brachten zwar in dieser Hinsicht keine Änderung zuwege, da beide selber noch nicht weit mit ihrem Christentum vorangekommen waren und deshalb keinen anregenden Einfluß auf ihn ausüben konnten. Wohl aber geschah dies durch den Begleiter, den sich Wilberforce auf die italienische Reise mitnahm. Das war der nachmalige Professor an der Universität zu Cambridge Isaak Milner, ein wahrhaft frommer Mann, der freilich sein von jeder Einseitigkeit und Engherzigkeit freies Christentum nicht äußerlich zur Schau trug, sondern im Äußeren eher das Gepräge eines Weltmannes an sich hatte, aber doch von der Wahrheit und Göttlichkeit des Christentums nicht allein auf das Innigste überzeugt war, sondern auch schon etwas an seinem Herzen erfahren hatte. Ihn, der ein alter Freund seines Hauses war, hatte Wilberforce gebeten, die Reise nach Italien mitzumachen, und sollte nun die Gewährung dieser Bitte zu einer Quelle reichen Segens für sich werden sehen.
Schon vor der Abreise war es zwischen ihm und Milner zu einer sehr ernsten Unterredung gekommen, die für Wilberforce einen kräftigen Stachel in seinem Herzen zurückließ. Milner hatte nämlich einen Mann, von dem Wilberforce behauptete, daß er die Anforderungen an ein echt christliches Leben zu hoch spanne, mit großer Kraft und Wärme verteidigt und dadurch bewiesen, daß er dieselben Anforderungen an einen rechten Christen stelle. Da war denn in Wilberforce das Gewissen mit aller Macht rege geworden und hatte ihm bezeugt, daß er selbst noch weit davon entfernt sei, diesen Anforderungen zu genügen, und daß deshalb sein Christentum noch kein rechtes sei. Den Stachel, den dieses Zeugnis seines Gewissens bei ihm zurückließ, konnte er nicht wieder los werden und brachte sowohl auf der Reise selbst, wie auch während des mehrwöchentlichen Aufenthaltes in Nizza, in allen Gesprächen mit Milner die christlichen Wahrheiten und die christlichen Pflichten immer wieder zur Besprechung. Was die Belehrungen des frommen Milner dann bei ihm angeregt hatten, ein ernstes Verlangen, mit seinem Christentum endlich einmal wirklichen vollen Ernst zu machen, das wurde noch durch ein gutes Buch bestärkt, welches Wilberforce zu Nizza in die Hände fiel und welches den »Anfang und Fortgang der wahren Gottseligkeit« zum Gegenstande hatte.
Dieses Buch machte auf den angeregten Mann einen solchen Eindruck, daß er es fast nicht aus den Händen legte und als er anfangs des Jahres 1785 mit Milner nach England zurückreiste, während seine Mutter und seine Schwester noch in Nizza blieben, selbst während der Reise darin studierte und mit Milner das Gelesene besprach. Wie dieser ihm ernstlich anriet, machte er es sich nun zum heiligen Vorsatze, die Wahrheit des Gelesenen und Besprochenen selbst an der heiligen Schrift und ihren Aussprüchen zu prüfen und dem bisher nur zu sehr vernachlässigten heiligen Buche wieder die gebührende Aufmerksamkeit zuzuwenden.