Über diesen Vorsatz kam er freilich vor der Hand noch nicht hinaus, denn bald hatten wieder die Parlamentsgeschäfte, sowie das zerstreuende Londoner Leben sein ganzes Sinnen und Denken, sowie seine ganze Zeit so in Anspruch genommen, daß es mit dem eifrigen Forschen im Worte Gottes nicht viel wurde.

Erst auf der zweiten Reise nach Italien, die er nach Beendigung der Parlamentssitzungen mit Milner antrat, um Mutter und Schwester von Genua abzuholen, wohin dieselben inzwischen übergesiedelt waren, kam es wirklich zu einem solchen ernsten, eifrigen Suchen in der Schrift. Wilberforce hatte ein neues Testament in der griechischen Grundsprache mitgenommen und las dasselbe unterwegs gemeinschaftlich mit seinem Begleiter. Und diesem wurde es nun gegeben, die Tiefen des Schriftwortes für Wilberforce so zu erschließen, daß die göttliche Wahrheit diesem zur festesten, innigsten Überzeugung wurde.

Die Rückreise von Genua wurde durch die Schweiz gemacht, und Wilberforce lernte bei einem längeren Aufenthalte in Zürich den frommen Lavater kennen, dessen tief und fest gegründeter Schriftglaube, dessen durch die innigste Frömmigkeit geweihte Persönlichkeit einen unverwischbaren mächtigen Eindruck auf ihn machten und ihm recht lebendig unter die Augen stellten, wieviel ihm selber noch zu einem rechten Christen fehle.

Nichtsdestoweniger kam es aber bei Wilberforce noch nicht sogleich zu einem ernsten Versuche, solchem Vorbilde nachzueifern. Vielmehr ließ der sechswöchentliche Aufenthalt in dem Badeorte Spaa, welcher auf der Heimreise den Rhein hinab besucht wurde, noch nicht die mindeste Spur davon sehen, daß Wilberforce auch nur daran denke, den weltlichen Genüssen und Vergnügungen zu entsagen und den Weg eines ernsten, im Lichte des Wortes Gottes geführten Lebens zu betreten. Gleichwohl begann hier aber in ihm der innere Kampf zwischen seinem laut und immer lauter mahnenden christlichen Gewissen und den Neigungen seines natürlichen Menschen.

Der Gedanke, daß er plötzlich von der Welt abgerufen werden könne, ohne in rechter Weise für das Heil seiner Seele gesorgt zu haben, ergriff ihn mit Macht, das Bewußtsein, bisher von seinen Gaben und von seiner Zeit nicht den rechten gottgewollten Gebrauch gemacht zu haben, legte sich wie ein Zentnerstein auf seine Seele, und unter solchen beängstigenden Gedanken lernte er fühlen und ahnen, welch einen festen, starken Trost es gewähren müsse, wenn man die Verheißungen des Evangelii so recht voll und ganz mit dem Glauben ergriffen habe. Das trieb ihn denn zum Suchen in der Schrift und zum herzlichen Gebete um den wahren Glauben.

Vor seiner Reisegesellschaft verschloß er jedoch noch ganz den schweren Kampf, der in seinem Herzen begonnen hatte; er wollte ihn in der Kraft seines Gottes und Heilandes allein durchkämpfen, und sein demütiger, keuscher Sinn hielt ihn ab, davon den andern gegenüber etwas merken zu lassen. Nur dem Tagebuche, das er jetzt regelmäßig zu führen anfing und das für uns die reichste und klarste Quelle ist, die rechte Erkenntnis und das volle Verständnis seiner inneren, geistlichen Entwickelung daraus zu schöpfen, vertraute er an, was außer ihm und seinem Gotte niemand wissen sollte. Wir sehen daraus, welch eifriges Ringen seiner Seele er sichs kosten ließ, in Christo, dem Heilande, Friede zu finden, und wie er auch allmählich durch Gottes Gnade fand, was er suchte.

Besonders gesegnet wurde für ihn die freie Zeit, welche er nach seiner Heimkehr im November noch hatte, bis die neue Parlamentssitzung begann, die in den Februar des nächsten Jahres fiel und ihn natürlich wieder nötigte, in das unruhige öffentliche Leben zurückzukehren. Er brachte diese Zeit zu Wimbledon in der Nähe von London zu, wo er sich eine Wohnung mietete, die es ihm möglich machte, ohne allzugroße Unbequemlichkeit zu den Parlamentssitzungen zu fahren, und doch auch die Stille der Einsamkeit zu haben, so oft er sich deren bedürftig fühlte. Hier widmete er sich ganz dem Nachdenken über sich selbst und der ernstesten, eifrigsten Beschäftigung mit dem Worte Gottes und anderen religiösen Büchern.

Jetzt schwand auch allmählich die Scheu bei ihm, mit dem, was sein Herz erfüllte, an die Öffentlichkeit zu treten; er wurde ein eifriger Besucher der Kirche und richtete in seinem eigenen Hause einen regelmäßigen, täglichen Hausgottesdienst ein, dem alle seine Diener anwohnten und den er selbst leitete. Nur zum Tische des Herrn wagte er noch nicht zu gehen, weil er dazu noch zu unwürdig zu sein glaubte, und es noch nicht gelernt hatte, sich ganz und ohne Rückhalt der Gnade des Heilandes zu übergeben. Die Briefe an seine Schwester aus dieser Zeit sind voll von den herzlichsten Bitten, sich ernstlich der Beschäftigung mit dem Worte Gottes hinzugeben; es drängte ihn nun, wo er für sich selbst die Quelle des Heils und des Friedens gefunden hatte, zu derselben auch diejenigen hinzuweisen, die seinem Herzen nahestanden.

Große Überwindung kostete es ihn allerdings noch, auch seinen bisherigen Freunden kund werden zu lassen, welche innerliche Veränderung mit ihm vorgegangen war. Denn von den wenigsten derselben konnte er ein rechtes Verständnis für das, was sein Herz bewegte, erwarten, wohl aber desto mehr Spott und höhnisches Achselzucken. Allein die Erwägung, daß er ungestörter seinen Grundsätzen nach würde leben können, wenn er dieselben frei und rückhaltlos habe kund werden lassen, öffnete ihm den widerstrebenden Mund zum frischen, fröhlichen Bekenntnisse. Der gefürchtete Spott blieb nun freilich wohl aus, weil Wilberforce sich in zu hohem Maße die Achtung seiner Freunde erworben hatte, als daß man ihn hätte verspotten können; aber niemand begriff die mit dem Freunde vorgegangene Umwandlung. Man begriff am wenigsten bei ihm, der bisher als ein Muster von Sittenreinheit gegolten hatte, die demütigen Selbstanklagen wegen seiner Sünden; man schüttelte wohl im stillen den Kopf über ihn, ließ ihn aber sonst ruhig gehen und nahm am wenigsten von seiner Sinnesänderung Veranlassung, sich einmal auf den Zustand des eigenen Herzens zu besinnen.