Dies war auch bei seinem Freunde Pitt der Fall, der natürlich zu den Ersten gehörte, dem er sein Inneres erschloß. Stand auch der große Staatsmann dem wahren Christentum keineswegs feindlich gegenüber, sondern schätzte es hoch, wo es ihm als ein aufrichtiges, lebenskräftiges entgegentrat, er war doch von seinen staatsmännischen Geschäften und Sorgen zu sehr erfüllt, von seinen Arbeiten zu sehr in Anspruch genommen, als daß er sich durch die inständigen Bitten, womit ihn Wilberforce bestürmte, hätte bewegen lassen, auch für die Sorge um sein Seelenheil Zeit und Kraft zu erübrigen.
Je weniger Verständnis und Entgegenkommen aber Wilberforce bei seinen bisherigen Parlamentsfreunden fand, desto mehr neigten sich ihm die Herzen aller derer zu, die selber schon ernste Christen geworden waren, oder es doch werden wollten, und die natürlich den reich begabten, schon so angesehenen jungen Mann mit Freuden als einen der ihrigen begrüßten. Sie nahmen sich seiner in Liebe an, teilten ihm mit, was sie selbst schon an inneren geistlichen Erfahrungen gesammelt hatten, und bewahrten ihn dadurch vor den Verirrungen, in welche Neubekehrte so leicht geraten, wenn ihnen brüderliche Leitung und Handreichung mangelt. Besonders waren es ein hochgeachteter Geistlicher Namens Newton und ein alter Verwandter, John Thornton, deren herzlicher Teilnahme und liebevoller Leitung er sich zu erfreuen hatte und die ihm vor allen Dingen den guten Rat erteilten, vorsichtig zu sein im Anknüpfen neuer Bekanntschaften und Freundschaften und sich nicht zu leicht von den alten Freunden abzuwenden, sondern sich nur im Verkehre mit ihnen der sorgfältigsten Wachsamkeit zu befleißigen.
Das Letztere wurde Wilberforce nun freilich schwer genug, und er mußte sich oft von seinem Gewissen anklagen lassen; aber er kannte ja nun die Quelle, aus welcher er immer wieder Beruhigung und Trost schöpfen konnte, sowie auch immer neue und wachsende Kraft zum Wachen und Beten, und die immer reichlicher für ihn zu fließen begann, als er erst gelernt hatte, das Vertrauen auf eigenes Verdienst und eigene Würdigkeit aufzugeben, das ihn bisher von dem Genusse des heiligen Abendmahls ferne gehalten hatte.
Wir glaubten, ehe wir zur Schilderung der eigentlichen Lebensarbeit unseres Helden übergingen, zuerst, wie es im Vorstehenden versucht ist, seiner inneren Entwickelung etwas genauer nachgehen zu müssen. Denn wenn er nicht durch Gottes Gnade das geworden wäre, was wir bisher ihn haben werden sehen, ein entschiedener, glaubensfester und liebeseifriger Christ, so würde er sicher nicht der edle, mutige, aufopfernde Menschenfreund geworden sein, dessen Name nie vergessen werden wird und darf, wo diejenigen aufgezählt werden, die sich in besonderem Maße um die Menschheit verdient gemacht haben.
III.
Das wahre, lebendige Christentum, dem sich Wilberforce zugewandt hatte, hinderte ihn nicht, die Pflichten eines Parlamentsmitgliedes mit voller Treue und Hingebung zu erfüllen. Das wäre ja auch gewiß kein wahres Christentum, welches zur Erfüllung des irdischen Lebensberufs, darein man von Gott gesetzt ist, untüchtig machte. Und Wilberforce sah seine Wirksamkeit im Parlamente in der That als den Beruf an, den ihm Gott der Herr angewiesen habe, und hat sich dabei auch sicherlich nicht getäuscht.
An den Sitzungen des Parlamentes im Jahre 1786 konnte er allerdings nur wenig Anteil nehmen wegen eines bösen Augenleidens, das ihn befiel. Er hatte sich durch eifriges Studieren, womit er die Lücken in seiner Universitätsbildung auszufüllen suchte, welche er jetzt oft empfindlich fühlte, die ohnehin schwachen Augen gründlich verdorben und mußte es sich auf den Rat eines ihm befreundeten Arztes zu Leeds gefallen lassen, den Spätherbst und einen Teil des Winters in dem Badeorte Bath zuzubringen.
Ehe er sich dorthin begab, brachte er 14 Tage bei seiner Mutter und Schwester in Hull zu, welche er beide seit der italienischen Reise nicht mehr gesehen hatte. Hier gelang es ihm denn, die Besorgnisse der Mutter völlig zu beschwichtigen, denen sie sich hingegeben hatte, als das Gerücht zu ihr drang, ihr Sohn habe sich der Sekte der Methodisten angeschlossen. Wilberforce hatte sie freilich schon brieflich einigermaßen beruhigt und ihr versichert, daß er nach keiner menschlichen Lehre frage, sondern nur die heilige Schrift zur Richtschnur seiner Gedanken und Handlungen nehmen und sich nur von deren Vorschriften bei der Erfüllung der ihm obliegenden Pflichten auf dem Platze, den ihm die Vorsehung angewiesen habe, leiten lassen wolle. Allein die mütterliche Befürchtung, der Sohn möge gleichwohl auf allerlei Thorheiten und Ueberspanntheiten verfallen sein, schwand erst gänzlich, als sie ihn persönlich wieder sah. Denn nun erkannte die Mutter, daß die ganze Veränderung, die mit dem Sohne vorgegangen war, nur in einer größeren Freundlichkeit und inneren Ruhe bestand, als er früher gehabt hatte, und in einem noch viel liebevolleren, bescheideneren und achtungsreicheren Benehmen gegen sie selbst, als er es schon früher bewiesen.
Solch eine Veränderung konnte ihr natürlich nur wohlgefallen und sie veranlassen, das eigene Herz mehr aufzuschließen für eine Religion, welche im stande war, wenn es ernst mit ihr genommen wurde, solch gesegnete Veränderung hervorzubringen. Die ernsten religiösen Gespräche, welche der Sohn jetzt mit besonderer Vorliebe in Gang zu bringen suchte, ließ sie sich willig gefallen und gewann dadurch allmählig selbst einen tieferen Einblick in die tröstlichen Wahrheiten des Christentums, als sie ihn bisher gehabt hatte. Sie stimmte jetzt völlig in das Wort einer Freundin ein, der sie ihre Besorgnisse wegen der mit William vorgegangenen Sinnesänderung vertraut haben mochte, und die, nachdem sie diesen persönlich kennen gelernt und in bezug auf die ihm schuld gegebene Thorheit beobachtet hatte, voll Begeisterung ausrief: »Wenn das Thorheit ist, so möchte ich wünschen, daß wir alle so thöricht würden!«