Das gesellige Leben, welches Wilberforce in dem Badeorte Bath in vollen Strömen umrauschte, konnte ihn jetzt in seinem ernsten Sinnen und Streben nicht mehr beirren; er schrieb vielmehr als Regel und Richtschnur für seinen Verkehr mit den Badegästen die schönen Worte in sein Tagebuch: »Wandle in Liebe! wo du auch bist, sei auf deiner Hut, eingedenk daß dein Handeln und Reden Einfluß haben kann auf das Gemüt derer, mit denen du zusammenkommst, indem sie mehr oder weniger geneigt werden, christliche Grundsätze aufzunehmen und ein christliches Leben zu führen!«

An den Parlamentssitzungen des Jahres 1787 konnte Wilberforce wieder vollen Anteil nehmen und war mit Eröffnung der Sitzungen wieder pünktlich auf seinem Platze, nach wie vor ein treuer Unterstützer seines Freundes Pitt, mit dessen staatsmännischem Handeln er sich nur selten im Widerspruche fand.

Was ihn aber jetzt, wo ihm die Augen für einen rechten Christenwandel geöffnet waren, besonders bewegte, war die vollendete Gleichgültigkeit gegen alles Heilige und Göttliche, die ihm sonst bei seiner Umgebung begegnete und vor allem die traurige Sittenlosigkeit, die er überall bei Hoch und Niedrig wahrnahm. Es war ihm unmöglich, dabei gleichgültig zu bleiben und es drängte ihn, seinerseits etwas zu thun, daß es besser werde.

Mit ein paar gleichgesinnten Freunden faßte er den Plan, einen »Verein zur Schwächung und Entmutigung des Lasters« zu gründen und ging mit Feuereifer an die Ausführung desselben. Er ließ sich dabei von der gewiß richtigen Ansicht leiten, daß es der wirksamste Weg sei größere Verbrechen zu verhindern, wenn man die kleineren mit allem Ernste strafe und den allgemeinen Geist der Zügellosigkeit, die Quelle aller Laster, zu unterdrücken suche; denn wenn auch durch die Einwirkung auf die äußere Handlungsweise die Herzen der Menschen nicht geändert werden könnten, so würden sie doch dadurch geweckt und aufgeregt.

Zunächst erwirkte er einen Königlichen Aufruf an die Statthalter der englischen Grafschaften, worin dieselben angewiesen wurden, die bestehenden Gesetze gegen Entheiligung des Sonntags, gegen Trunksucht und gegen die Verbreitung unsittlicher Schriften genau und strenge zu handhaben. Er mußte sich dabei freilich sagen, daß damit nicht viel gewonnen würde, wenn nicht überall die einflußreichsten Männer sich dazu verständen, persönlich gegen die herrschende Sittenlosigkeit anzugehen und selbst mit ihrem eigenen guten Vorbilde den niederen Ständen voranzugehen.

Er machte sich deshalb, sobald die Parlamentssitzungen geschlossen waren, auf die Reise, um in erster Linie alle Bischöfe, dann aber auch andere angesehene Männer für die heilige Sache, die ihm auf dem Herzen lag, zu gewinnen, und seinem heiligen Ernste, seiner liebenswürdigen Persönlichkeit gelang es auch, nicht nur sämtliche Bischöfe, sondern auch einen großen Teil der Mitglieder des Ober- wie des Unterhauses zum Eintritt in seinen Verein zu bewegen, welcher dann während einer ganzen Reihe von Jahren eine reich gesegnete Thätigkeit entfaltete.

Aber diese Reise und die rastlose Arbeit, die er sich auf derselben zumutete, hatte einen überaus ungünstigen Einfluß auf seine Gesundheit gehabt, und sollte er für die nächste Parlamentssitzung wieder recht bei Kräften sein, so mußte er wieder die Bäder von Bath gebrauchen, die ihm schon einmal so sehr wohl gethan hatten. Er gewann denn dort auch wirklich die gesuchte Kräftigung und überdies eine ihm sehr wichtige und wertvolle Bekanntschaft, die mit der bekannten Schriftstellerin und frommen Freundin der Jugend Hannah More, mit welcher er von da ab zeitlebens in naher Verbindung und noch näherer Geistesgemeinschaft blieb.

Um diese Zeit fing aber auch Wilberforce an, die Arbeit ernstlich und nachhaltig in Angriff zu nehmen, die fortan für ihn die wichtigste, ja so recht eigentlich seine Lebensarbeit werden sollte, und die ihm in ganz besonderem Maße die Hochachtung jedes edlen Menschen und einen unvergänglichen Platz in den Büchern der Geschichte erwarb, die Arbeit zu der Aufhebung des Sklavenhandels und zu der völligen Sklavenbefreiung.

Wir haben bereits gehört, wie Wilberforce schon in seinem 15. Lebensjahre dem Sklavenhandel seine herzlichste Teilnahme zugewandt und sogar einen kleinen Aufsatz über denselben geschrieben hatte, ohne Zweifel dadurch veranlaßt, daß er in seiner Vaterstadt Hull mit eigenen Augen ein Sklavenschiff gesehen hatte, und durch die grausame Behandlung der armen Sklaven im tiefsten Herzensgrunde ergriffen worden war. Was damals seine ungeübte Feder in Bewegung gesetzt hatte, konnte wohl für eine Zeitlang in den Hintergrund seines Herzens gedrängt, aber nicht ganz aus demselben verwischt werden. Das beweisen seine uns aufbewahrt gebliebenen Briefe, aus denen hervorgeht, daß er im Jahre 1781 einem Freunde welcher die westindische Insel Antigua besuchte, den Auftrag gab, sich über den Zustand der dortigen Sklaven genaue Kunde zu verschaffen, weil er, Wilberforce, beabsichtige, zu gelegener Zeit auf die Linderung der Leiden der unglücklichen Schwarzen hinzuarbeiten.