Diese edle Absicht wurde bei Wilberforce wieder bestärkt und gefördert, vielleicht auch erst wieder neu angeregt durch eine Preisschrift über die Sklaverei, die im Jahre 1785 erschien und die einen jungen Mann, Thomas Clarkson, zum Verfasser hatte, welcher in dem nun beginnenden Kampfe gegen die Sklaverei ebenfalls einen bedeutenden Namen gewann. Aber was jetzt Wilberforce seine frühere Absicht wieder aufnehmen und nicht wieder aufgeben ließ, das war sein durch die christliche Erkenntnis, welche er gewonnen hatte, geschärftes Gewissen. Der Kampf gegen die Sklaverei wurde ihm nun in der That Gewissenssache.
Aber es galt, in diesem Kampfe mit großer Vorsicht vorzugehen, wenn nicht von vorne herein alles verdorben werden sollte. Denn noch war die öffentliche Meinung so ziemlich ganz auf seiten des Sklavenhandels, und die Besitzer der 105 Schiffe, die schon im Jahre 1771 allein von Liverpool aus diesen schändlichen Handel betrieben hatten, und deren Zahl bei der Einträglichkeit dieses Handels wohl nicht gefallen, sondern eher gestiegen war, unterließen gewiß nichts, die ersten Spuren eines Gegensatzes und eines feindlichen Auftretens gegen ihr Geschäft sofort mit aller Macht zu unterdrücken. Man mußte jedenfalls gesicherte und nicht abzuleugnende thatsächliche Beweise für die bei dem Sklavenhandel vorkommenden Grausamkeiten haben, wenn man mit einiger Aussicht auf Erfolg es auch nur unternehmen wollte, die öffentliche Meinung umzustimmen und gegen den Sklavenhandel ins Feld zu führen. Denn nur gegen diesen, nicht aber gegen die Sklaverei überhaupt durfte man vorläufig den Kampf eröffnen.
Nachdem sich Wilberforce der Teilnahme und Unterstützung seines Freundes Pitt bei dem zu eröffnenden Kampfe versichert hatte, trat er in eine Gesellschaft ein, welche sich unter dem Vorsitze des Rechtsgelehrten Granville Sharpe gebildet hatte, zu dem Zwecke, sichere Erkundigungen einzuziehen, durch welche es möglich wäre, den öffentlichen Unwillen gegen den Sklavenhandel wachzurufen, und zu diesem Zwecke die nötigen Kosten aufzubringen. Denn diese Erkundigungen sollten nicht blos diesseits des Ozeans in England selbst gesammelt werden, wo sich ja Gelegenheit genug dazu bot, nein auch wie es drüben in Westindien um die eingeführten Neger stand, sollte in sichere Erfahrung gebracht werden.
Wilberforce arbeitete Tag und Nacht an der Sammlung und Sichtung der bereits eingegangenen Nachrichten und kam dabei zu der Überzeugung, daß schon diese allein Grund genug gäben, einen Antrag auf Abstellung des Sklavenhandels im Parlamente zu stellen. Er kündigte in seinem heiligen Eifer auch wirklich schon für den 2. Februar 1788 einen solchen an.
Aber die aufreibende, Körper und Geist gleicherweise angreifende Thätigkeit, die er sich zugemutet hatte, blieb nicht ohne Rückwirkung. Gegen Ende des Januar verfiel er in eine schwere Krankheit, die sich rasch so sehr verschlimmerte, daß er nicht mehr im stande war, zu der ihm verordneten Badekur in Bath abzureisen, und daß die Ärzte ihm nur noch höchstens 14 Tage zu leben gaben. Aber im Rate des Herrn war es anders beschlossen. Der bedenkliche Zustand der Krankheit hob sich wieder so weit, daß er nach Bath geschafft werden konnte, und die dortigen Heilquellen thaten auch diesmal wieder ihre gute Wirkung in Verbindung mit reichlichen Gaben von Opium, dessen Gebrauch von nun an für Wilberforce während seines ganzen ferneren Lebens eine Notwendigkeit wurde, so oft er eine Unordnung in seinem Körper verspürte.
Die Sklavensache war aber inzwischen nicht liegen geblieben. Pitt selbst hatte sie zu der seinigen gemacht und am 9. Mai 1788 einen Antrag im Parlamente gestellt, wonach dieses sich verpflichten sollte, im Beginn der nächsten Sitzung jedenfalls sogleich die Verhältnisse des Sklavenhandels in Erwägung zu ziehen. Weiter wollte Pitt nicht gehen, weil der fehlte, welcher das nötige Material von Beweisen in Händen hatte, auf die ein weitergehender Antrag hätte gegründet werden müssen.
Aber es geschah doch auch etwas Thatsächliches von Bedeutung. Auf den Antrag eines Sklavenfreundes, der sich mit eigenen Augen von der Einrichtung eines neu erbauten Sklavenschiffes überzeugt hatte und über die Anzahl der Sklaven erschrocken war, die in den engen Räumen desselben untergebracht werden sollten, wurde trotz des heftigsten Widerstandes der Vertreter von Liverpool durch einen Parlamentsbeschluß, dem auch das Oberhaus zustimmte, und der ebensowohl die königliche Bestätigung erlangt, festgesetzt, in welchem Verhältnisse zu dem vorhandenen Schiffsraum die Anzahl der einzuladenden Sklaven stehen müsse, und welche Maßregeln zu treffen seien, damit Leben und Gesundheit der noch immer enge genug zusammengepferchten Schwarzen möglichst geschont werde.
Die herzliche Freude über diesen ersten, wenn auch nur sehr kleinen Erfolg trug gewiß nicht wenig dazu bei, die Besserung zu beschleunigen, die im Befinden des Kranken zu Bath wider alles Erwarten eingetreten war. Bald konnten die Ärzte Wilberforce gestatten, den Gebrauch des Bades einzustellen, und nach einem kurzen Aufenthalte in Cambridge, wo er mit Milner zusammensein und von demselben wieder manche Anregung für sein geistliches Leben empfangen konnte, begab er sich nach Rayrigg, seinem stillen Landsitze in Westmoreland, um dort seine völlige Genesung abzuwarten, auf die jetzt mit voller Sicherheit gehofft werden konnte.
Und diese völlige Genesung kam mit Gottes Hülfe trotz der beständigen Aufregung, welche die ununterbrochen kommenden und gehenden Gäste bereiteten, die sich nach der Gesundheit des verehrten Mannes erkundigen und ihm seine Einsamkeit zu erleichtern suchen wollten. Allerdings war und blieb seine Gesundheit eine schwache, welche ihm die größte Mäßigkeit und die strengste Enthaltsamkeit in seiner Lebensweise zur Notwendigkeit machte; allein er fand doch wieder die Kraft, nicht nur an den Parlamentssitzungen teilzunehmen, sondern auch noch nebenher für seine Sklavensache thätig zu sein.
Selbst von Rayrigg aus machte er, sobald er es wagen durfte, da und dort Besuche, bei denen er durch seinen persönlichen Einfluß die Teilnahme für seine Bestrebungen zu gunsten der Sklaven zu wecken und zu verbreiten suchte und unterstützte dadurch wesentlich Clarkson, der beauftragt worden war, zu dem nämlichen Zwecke das Land zu bereisen.