Für die Parlamentssitzung von 1789 bereitete er sich wieder auf das Eifrigste vor, um alle schon gesammelten und noch täglich eingehenden Beweise für die Grausamkeit und Schändlichkeit des Sklavenhandels recht bei der Hand zu haben und damit alle Einwendungen der Gegner, gründlich beseitigen zu können. Er ging wieder einen ganzen Monat auf's Land, um ganz ungestört zu bleiben und arbeitete wohl 8 bis 9 Stunden am Tage. Selbst die Nachricht von der Erkrankung seines Freundes Milner konnte ihn nicht bewegen, sich zu einem Besuche desselben von seiner Arbeit loszureißen, während er doch noch kurz vorher am Kranken- und Todesbette seiner Tante erfahren hatte, wie gesegnet das Krankenlager eines frommen Menschen für die Besucher desselben werden könne.
Was ihn nicht ruhen ließ, war eine Mitteilung Pitts über die gewaltigen Anstrengungen, welche die Gegner machten, um die öffentliche Meinung zu ihren gunsten zu stimmen und in Zeitungen und Flugschriften dem Lande zu beweisen, daß durch eine Aufhebung oder auch nur Beschränkung des Sklavenhandels nicht allein das Wohl der westindischen Kolonien aufs Spiel gesetzt würde, die der Sklaven notwendig bedürften, sondern auch der ganze Handel der englischen Nation Gefahr liefe, geschädigt zu werden.
Da galt es denn in der That auch, schlagende und unwiderlegliche thatsächliche Gegenbeweise in genügender Zahl bei der Hand zu haben.
Wohlgerüstet mit denselben und voll festen Vertrauens auf die siegende Macht der Wahrheit trat Wilberforce am 12. Mai 1789 vor das Parlament und entwickelte mit der vollen Kraft seiner ausgezeichneten Beredsamkeit alle Gründe, die nur gegen den Sklavenhandel geltend zu machen waren. Vier ganze Stunden redete er fast bis zur völligen Erschöpfung seiner Kraft, und ein hochstehender Mann äußerte nachher über diese Rede: »Das Haus, die Nation, ja Europa sind Wilberforce auf das Äußerste verpflichtet, daß er diesen Gegenstand in der meisterhaftesten, eindringlichsten und beredtesten Weise vorgebracht hat.«
Von allen Seiten beglückwünschte man Wilberforce, als er von der Rednerbühne herunterstieg. Und doch was war der thatsächliche Erfolg seiner Rede? Nur eine kleine Verbesserung des vorjährigen Beschlusses, daß jedes Sklavenschiff nur eine seinen Räumen entsprechende Anzahl von Sklaven aufnehmen dürfe.
Die Sklavenhalter und Sklavenhändler, die »Westindier« wie wir sie fortan mit einem gemeinschaftlichen Namen nennen wollen, hatten nämlich aus Furcht vor der offenbar gewaltigen Wirkung der Rede, die Wilberforce gehalten, eine sofortige Abstimmung und Beschlußfassung des Parlamentes dadurch zu hintertreiben gewußt, daß sie den Antrag stellten, der nicht wohl abgelehnt werden konnte, das Parlament möge selbst ein Zeugenverhör anstellen, um die Richtigkeit oder Unrichtigkeit der von Wilberforce aufgeführten Beweise zu untersuchen. Damit war die Entscheidung wieder für ein Jahr verschoben; denn es war unmöglich, vor Schluß der gegenwärtigen Sitzung noch eine genügende Anzahl von Zeugen zu vernehmen, wenn auch sofort damit begonnen wurde.
Schmerzlich bewegt, aber doch nicht entmutigt, eilte Wilberforce nach Beendigung der Sitzung wieder zu den Heilquellen von Bath, um dort Ruhe und Stärkung zu suchen, und hatte die Freude, nicht nur seine Mutter und seine Schwester daselbst vorzufinden, sondern auch den Sohn seines schon genannten Verwandten John Thornton, Henry Thornton, mit dem er eine innige und feste Freundschaft schloß.
Von Bath aus besuchte er auch seine alte Freundin Hannah More, die sich aus den gelehrten Kreisen Londons, mit welchen sie sonst verkehrte, völlig zurückgezogen hatte, um ihre reichen Geistesgaben im Dienste des armen, völlig unwissenden Landvolkes zu verwenden und für dessen Unterricht zu sorgen.
Auf einen schönen Punkt in der Nähe aufmerksam gemacht, unternahm der für Naturschönheiten äußerst empfängliche Wilberforce einen Ausflug dorthin, vergaß aber bald alle Naturschönheiten, als er die armen, leiblich und geistig verkommenen Bewohner der schönen Gegend kennen lernte.
»Miß Hannah, es muß etwas für Chidder (so hieß die Gegend) geschehen!« das war der Ausruf, mit dem er bei seiner Rückkehr die Freundin begrüßte und auf den er immer wieder zurückkam, wenn er erzählen sollte, wie ihm die besuchte Gegend gefallen habe.