Die Not des armen Volkes, welche er durch eigene Anschauung kennen gelernt hatte, bewegte sein mitleidiges Herz so sehr, daß er mit der Freundin sogleich beschloß, dort in Chidder Schulen anzulegen und sich bereit erklärte, alle Kosten auf seine Tasche zu übernehmen, wenn Miß Hannah sich der damit verbundenen Mühewaltung unterziehen wolle.
»Wozu könnte ich besser meinen Überfluß anwenden?« antwortete er ablehnend, als ihm die Freundin für sein hochherziges Anerbieten danken wollte, und freute sich in der Folge jedesmal herzlich, wenn er hörte, daß das Unternehmen guten Fortgang habe.
Auch die Parlamentssitzung von 1790 brachte für die Sklavensache keine wesentliche Förderung. Man fuhr nur fort, Zeugen zu verhören, und zwar Zeugen für und wider den Sklavenhandel, wenn auch die »Westindier« das Zeugenverhör ihrerseits gerne geschlossen gesehen hätten, nachdem die für sie günstigen Zeugen vernommen waren. Das Ende der Sitzung war da, ehe die Vernehmungen beendigt waren.
Mit dem Ende dieser Sitzung waren die 7 Jahre abgelaufen, für deren Dauer die Mitglieder des Parlaments in England gewählt wurden, und Wilberforce mußte sich deshalb einer Neuwahl unterwerfen. Allein sein Name war schon so berühmt geworden, daß er sich seinen Wählern in Yorkshire nur vorzustellen brauchte, um ohne Weiteres eine Erneuerung seiner Wahl auf weitere 7 Jahre zu erlangen.
Und doch hatte er etwas gethan, was bei jedem Anderen Anstoß und Widerwilligkeit erregt haben würde: er hatte die Wahl ausgeschlagen zu einem Vorsteher bei den großen Pferderennen, die in York abgehalten wurden, und die bekanntlich noch heute, wo sie auch gehalten werden, bei den Engländern in hohem Ansehen stehen. Er hatte jedoch den jährlichen Beitrag, den er für die Beteiligung an den Rennen hätte entrichten müssen, dem Hospitale der Grafschaft überwiesen, um zu zeigen, daß ihn nicht der Geiz abhalte, an einer Sache teil zu nehmen, für die er nach seiner ganzen Anschauungsweise kein besonderes Interesse haben konnte.
Daß sich seine Schwester um diese Zeit mit einem frommen Manne, dem Geistlichen Clarke zu Hull, vermählte, war für Wilberforce eine große Freude. Denn nun durfte er hoffen – und diese Hoffnung erfüllte sich auch – daß die Bemühungen, die er selbst bisher gebraucht hatte, seine Schwester auf den Weg eines ernsten, lebendigen Christentums zu ziehen, und die auch keineswegs ganz vergeblich geblieben waren, von berufenen und geschickten Händen weiter geführt werden und gewiß zu einem gesegneten Ziele kommen würden. Auch für das geistliche Leben der geliebten Mutter durfte er von der Einwirkung des neuen Schwagers die gedeihliche Förderung erwarten, die sein treues, frommes Sohnesherz so sehnlich wünschte.
Nach einer stärkenden Kur in den Bädern von Buxton gab sich Wilberforce daran, die von dem Unterhause vorgenommenen Zeugenverhöre zu prüfen und durchzuarbeiten, welche bis jetzt schon 1400 große Bogenseiten füllten. Galt es doch, die Scheingründe, welche für den Sklavenhandel geltend gemacht worden waren, zu entkräften und so den Gegnern die Waffen zu entreißen, mit denen sie ihre schändliche Sache verteidigten.
Auf dem stillen Landsitze eines Jugendfreundes, wo er vor störenden Besuchen sicherer war als in seinem eigenen Heim, bewältigte Wilberforce diese ungeheure Arbeit, ohne danach zu fragen, ob es seine Gesundheit aushielte. Und Gott der Herr, in dessen Dienste und zu dessen Ehre zu arbeiten er sich bewußt war, verlieh ihm die dazu nötige Kraft. Wohl mag es eine Stärkung gewesen sein, die aus derselben Quelle ihren Ursprung nahm, daß ihm in diesen arbeitsvollen Tagen John Wesley, der Stifter der Methodistengemeinde, folgenden Brief schrieb:
»Mein teurer Herr! Wenn es nicht die göttliche Allmacht ist, welche Sie berufen hat, ein Athanasius im Kampfe mit der Welt zu sein, so sehe ich nicht ab, wie Sie das glorreiche Unternehmen zu Ende bringen wollen, gegen eine Schändlichkeit aufzutreten, welche eine Schmach der Religion Englands und der menschlichen Natur ist. Wenn es nicht Gott ist, der Sie zu dieser Sache berufen hat, so werden Sie durch den Widerstand der Menschen und Teufel besiegt werden. Aber ist Gott für Sie, wer mag dann wider Sie sein? Sind alle Feinde zusammen stärker als Gott? O ermüden Sie nicht, gutes zu thun! Schreiten Sie fort im Namen Gottes und in der Kraft seiner Stärke, bis die amerikanische Sklaverei für immer von derselben verschwindet! Sie ist das Schimpflichste, was je unter der Sonne bestand. Daß Er, der Sie von Ihrer Jugend an geführt hat, fortfahren möge, Sie hierbei und in allen Stücken zu stärken, das ist das Gebet Ihres
John Wesley.«