Aber hieß es nicht zuviel erwarten, wenn Wilberforce annahm, seine Mitbürger würden ihn, der jetzt erst 21 Jahre zählte, wirklich zu ihrem Vertreter im Parlament wählen? Das mochte er sich wohl manchmal selber fragen und konnte dann gewiß diese Frage im Blicke auf seine Jugend und Unerfahrenheit nicht anders als bejahen. Allein gleichwohl ging sein sehnlicher Wunsch in Erfüllung und im Jahre 1780 wurde er wirklich zum Parlamentsmitgliede für Hull erwählt.
Zeugt dies laut für die großen Hoffnungen, die seine Landsleute auf den jungen Mann setzten, so zeugt es hinwiederum auch dafür, wie wenig er sich der hohen, kaum erwarteten Ehre, die ihm durch seine Wahl zu teil geworden war, überhob und sich dadurch stolz und hochmütig machen ließ, daß er trotz seiner großen Redefertigkeit in der ersten Parlamentssitzung, die er mitmachte, seinen Mund nicht aufthat, sondern nur in aller Demut und Bescheidenheit auf die Reden anderer lauschte und außer den Sitzungen den größten Fleiß aufwandte, sich über jede Sache, die zur Verhandlung kam, vorher auf das genaueste und sorgfältigste zu unterrichten. Dabei kam ihm denn sein heller, klarer Geist trefflich zu statten und befähigte ihn, über jede vorkommende Sache eine feste durch keinen fremden Einfluß bestimmte Meinung zu gewinnen, und sich so die Selbstständigkeit in seinen Urteilen zu retten, die ihn sein ganzes Leben hindurch nicht verließ und die ihn, wenn sie ihn auch oft genug mit seinen besten Freunden in Widerspruch brachte, doch in keinen Widerstreit mit seinem eigenen Gewissen kommen ließ.
Und nur von seinem Gewissen sich leiten zu lassen, wurde jetzt, wo er unter dem Ernste des Lebens den leichten Jugendsinn mehr und mehr ablegen lernte, sein fester, unumstößlicher Grundsatz, von dem er sich gelobte, niemals auch nur einen Fingerbreit abzuweichen.
So war es denn auch vorzugsweise die Stimme seines Gewissens, welche ihn trieb, sofort, nachdem die Parlamentssitzung geendigt war, London zu verlassen und sich in die ländliche Stille zurückzuziehen. Denn je sorgfältiger er auf diese Stimme achtete, desto lauter rief ihm dieselbe zu, daß das geräuschvolle öffentliche Leben in der großen Stadt tausendfältige Versuchungen bereite, das innere geistliche Leben zu vernachlässigen und unter den unaufhörlichen Zerstreuungen des gesellschaftlichen Lebens einer unwürdigen, verderblichen inneren Zerfahrenheit zu verfallen. Und doch fing er jetzt, wie ein Brief an seine Schwester deutlich zeigt, an, einzusehen, daß das innere Leben nicht vernachlässigt werden dürfe, wenn man an wahrem Werte täglich zunehmen wolle, daß dasselbe aber nicht wachsen und gedeihen könne ohne ernste Sammlung des Herzens zu gewissenhafter Selbstbetrachtung.
So lockend es auch für Wilberforce sein mochte, mit seinem Freunde Pitt und den vielen anderen Männern des Parlaments, deren Wohlwollen er sich bereits durch seine liebenswürdige Persönlichkeit gewonnen hatte, zusammenzubleiben und in ihrem Kreise die Parlamentsferien angenehm zu verleben, er folgte doch der mahnenden Stimme seines Gewissens und entfloh den Zerstreuungen und Genüssen des Londoner Lebens.
An den Ufern des Winandersees in der Grafschaft Westmoreland mietete er sich einen schönen Landsitz und brachte dort in ungestörter Stille den Sommer zu, sich nur an den harmlosen Genüssen des Landlebens genügen lassend, für deren erfrischende Wirkung er einen starken Sinn und eine besondere Vorliebe hatte.
Äußerlich und innerlich gestärkt kehrte er zu Anfang des Winters nach London zurück, wohin ihn die beginnende Parlamentssitzung rief. In dieser seiner zweiten Sitzung überwand er aber die jugendliche Scheu, die ihn während der ersten hatte schweigen lassen, und trat zum erstenmale als öffentlicher Redner auf. Aber wie staunte alles den jungen Mann an, der so glänzend und schlagfertig zu reden wußte! Von allen Seiten wurde er nach seiner ersten Rede beglückwünscht und es fehlte nicht an solchen, die es als ganz zweifellos hinstellten, daß ein solcher Redner mit der Zeit zu der Würde eines Mitgliedes des Oberhauses erhoben werden müsse.
Allein der bescheidene Wilberforce geizte durchaus nicht nach solcher Ehre und Würde und wies lachend die Propheten zurück, die ihm eine so glänzende Zukunft verhießen. Er begehrte nichts weiter, als ein tüchtiger Vertreter seiner Wähler im Parlamente zu werden und verband sich sogar mit mehreren seiner Freunde im Unterhause dazu, niemals die Würde eines Mitglieds des Oberhauses, niemals auch eine Stelle oder ein Gehalt anzunehmen, um nicht die edle Unabhängigkeit und Selbständigkeit, die sie jetzt besaßen, zu verlieren. Er ist auch zeitlebens diesem Entschlusse treu geblieben.
Als sein Freund Pitt im Jahre 1782 ins Ministerium kam, wahrte er selbst diesem gegenüber seine volle Unabhängigkeit, die sich durch keine Rücksichten beirren ließ. Er unterstützte ihn mit seinen Reden nur insoweit, als dessen Ansichten mit seinen eigenen völlig übereinstimmten; wo dies nicht der Fall war, wurde er ihm ein entschiedener Gegner trotz aller Freundschaft, die ihn mit ihm verband. Und für Pitt war dies kein Grund, den Freund fallen zu lassen. Im Gegenteile, er achtete Wilberforce deshalb um so höher und schloß sich ihm immer enger an. Fast täglich sahen sich die beiden Freunde und wurden sich nachgerade fast unentbehrlich, da sie beide in der von Witz und Laune gewürzten Unterhaltung, die sie mit einander führten, nach den anstrengenden Berufsarbeiten des Tages die beste Erfrischung fanden.
Auch wenn die Sitzungen des Parlaments zu Ende waren, trennten sie sich nicht immer, sondern vereinigten sich zu gemeinschaftlichen Reisen, oder Pitt überraschte den Freund auf seinem stillen Landsitz am Winandersee und blieb dort längere oder kürzere Zeit, einmal sogar ganze 4 Monate lang.