Schon mit 17 Jahren war der reichbegabte William in seinen Kenntnissen so weit gefördert, daß er für den Besuch des St. Johns College auf der Universität Cambridge für reif erachtet werden konnte und dasselbe auch wirklich bezog, um den Kreis seiner Kenntnisse noch mehr zu erweitern und sich jene allgemeine Geistesbildung zu erwerben, die zur Erlangung einer geachteten Lebensstellung unerläßlich war. Denn von einem besonderen Lebensberuf, zu dem er sich hätte vorbereiten müssen, war einstweilen keine Rede bei ihm.
Allein es sollte mit seinem Studieren vorläufig nicht viel werden. Denn kaum hatte er die Universität bezogen, so starben rasch hinter einander sowohl sein Großvater als auch sein Oheim. Als der einzige männliche Sproß der Familie erbte William nach dem englischen Gesetze das ganze väterliche und großväterliche Vermögen, und da der Oheim keine Kinder hatte, so fiel ihm auch dessen bedeutendes Vermögen zu. So saß denn der Jüngling plötzlich dem Überflusse im Schoß und sah sich all den mannigfaltigen Versuchungen ausgesetzt, welche derselbe im Gefolge hat.
Bald sammelten sich um den reichen Erben eine Schar leichtfertiger Gesellen, die ihm helfen wollten, seine Schätze in einem ausschweifenden Leben zu vergeuden und die sich so diese Schätze selbst zu nutze zu machen suchten. Allein wie sie sich auch an ihn drängten, es gelang ihnen nicht, ihn in den Kot ihrer gemeinen niedrigen Genüsse hineinzuziehen; der gute Geist, den ihm die fromme Tante eingeprägt hatte, verleugnete sich nicht, sondern wurde ihm Schirm und Schild, sodaß er sich schon nach kurzer Zeit mit Ekel von der schlechten Gesellschaft abwandte.
Er suchte besseren Umgang und fand ihn auch. Denn seine vortreffliche Unterhaltungsgabe, sein schlagfertiger, treffender Witz, sein schöner Gesang, seine allerdings nicht unbedenkliche Kunst, andere Menschen in ihrem Gebahren täuschend nachzuahmen, vor allen Dingen aber sein liebenswürdiges, gemütvolles Wesen: das waren lauter Vorzüge, die schnell einen weiten Kreis von Freunden um ihn sammelten und ihn zum geschätzten und geliebten Mittelpunkte desselben machten. Mit ernstem Studieren wurde es da freilich nicht viel, da William bei allen Vergnügungen seiner jugendlichen Freunde zugegen sein mußte und von ihnen, wenn er sich auch einmal zurückhalten wollte, mit freundlicher Gewaltsamkeit zur Teilnahme genötigt wurde.
Wenn er auch in seinem späteren Leben es oft bedauern mußte, seine Lernzeit mehr den Vergnügungen als den Studien gewidmet zu haben, und den eifrigsten Fleiß aufzuwenden genötigt war, um das in der Jugend Versäumte wieder nachzuholen, so fand er doch auch in dem Strudel der Geselligkeit, dem er sich überließ, manche wertvolle Bekanntschaft, die ihm sonst vielleicht entgangen wäre. So schloß er mit dem nachmals so berühmt gewordene Staatsmann Pitt schon hier auf der Universität einen Freundschaftsbund, der nachher für das ganze Leben vorhielt und ihm nicht blos für das studentische Leben einen gewissen Halt gab und ihn den Ernst des Lebens nicht ganz vergessen ließ, sondern ihm auch für die Folgezeit von großem Vorteile war.
Wie wenig das freie lustige Studentenleben vermocht hatte, ihn völlig um den Lebensernst zu bringen, zu welchem durch den Einfluß der Tante ein so guter Grund gelegt worden war, zeigte sich auch bei seinem Abgange von der Universität. Da sollte er, um den Grad und Titel zu erlangen, der in der Regel den Abgehenden beigelegt wurde, die Glaubensartikel der englischen Staatskirche unterschreiben und sich durch seine Unterschrift zur Annahme derselben verpflichten. Aber weil es um seine genaue Bekanntschaft mit diesen Artikeln etwas bedenklich aussehen mochte, verbot es ihm seine Gewissenhaftigkeit und Ehrlichkeit, dieselben so leichtfertig und gedankenlos zu unterschreiben. Er verweigerte deshalb seine Unterschrift und mußte sichs gefallen lassen, ohne einen Grad und Titel die Universität zu verlassen.
Am nächsten hätte es wohl jetzt für unsren Wilberforce gelegen, in das von seinem Vater und Großvater geführte Handelsgeschäft einzutreten, welches nach deren Tode ein Verwandter für seine Rechnung weiter geführt hatte. Nicht blos, daß ihm dadurch eine ruhige, bequeme Lebensaufgabe zu teil geworden wäre, nein es winkte ihm auch dabei eine behagliche und doch ehrenvolle Lebensstellung.
Aber sein lebhafter, strebsamer Geist konnte sich an einer solchen Aufgabe und Stellung nicht genügen lassen; es lockte ihn vielmehr, statt in die ruhige Stille des Privatlebens in die geräuschvolle Unruhe des öffentlichen Lebens einzutreten. An diesem Entschlusse war ohne Zweifel der nahe Umgang mit seinem Universitätsfreund Pitt wesentlich schuld, der schon von Haus aus für den Staatsdienst und die Geschäfte des öffentlichen Lebens bestimmt gewesen war und dem es dann auch offenbar gelungen war, dafür dem Freunde Geschmack beizubringen.
Wilberforce löste das großväterliche Handelsgeschäft, das er nicht in seinem Namen fortführen lassen mochte, ganz auf und bewarb sich in seiner Vaterstadt Hull um die Ehre, deren Vertreter in dem Hause der Abgeordneten des Volkes, in dem sogenannten Parlamente zu werden. Um sich dazu tüchtig zu machen, nahm er, nachdem er sich zur Wahl angemeldet hatte, seinen Wohnsitz in London, und wohnte regelmäßig den Sitzungen des Parlaments bei, dessen Verhandlungen er mit der gespanntesten Aufmerksamkeit folgte. Daß er durch seinen Freund Pitt, mit welchem er dort wieder zusammentraf, nur noch in seinem Vorsatze befestigt wurde, die öffentliche Laufbahn eines Parlamentsmitgliedes zu betreten, ist leicht zu denken.