Auch die nachfolgenden Blätter sollen den lieben Lesern einen englischen Mann vorführen, der zu seiner Zeit ein Hauptförderer dieser Bemühungen gewesen ist, und der deshalb nicht blos den Namen des »Sklavenfreundes« mit vollem Fug und Rechte verdient, sondern ebensosehr es verdient, daß sein Andenken von jedermann in hohen Ehren gehalten wird.
II.
William Wilberforce – so heißt der Ehrenmann, um den es sich handelt – wurde geboren am 24. August des Jahres 1759 zu Hull in der Grafschaft York, und zwar als der einzige Sohn unter vier Kindern, von denen zwei Schwestern schon in früher Kindheit wieder verstarben. Sein Vater Robert Wilberforce leitete seine Abkunft von einer alten, vornehmen Familie her, die lange Zeit hindurch im östlichen Teile der Grafschaft York ein ausgedehntes Stammgut besessen habe, war aber jedenfalls ein nach unseren Begriffen reicher, nach englischen Begriffen wohlhabender Mann. In Gemeinschaft mit seinem Vater, der bis in sein Alter hinein das entscheidende Familienhaupt geblieben zu sein scheint, betrieb er ein ausgedehntes Handelsgeschäft und verwaltete den großen Landbesitz, den die Familie hatte.
Der kleine William kam als feines, krausgliedriges Kind zur Welt und hat die Körperschwachheit, mit welcher er ins Leben eintrat, bis zu seinem Lebensende nicht völlig zu überwinden vermocht. Aber wer ihm in die hellen, geistvollen Augen sah, konnte ihm schon an der Wiege prophezeien, daß einmal etwas Rechtes aus ihm werden würde. Zum Knabenalter herangewachsen, entwickelte er trotz seines schwächlichen Körpers eine ungemeine Lebhaftigkeit und ein reiches, tiefes Gemütsleben, das ihn schnell zum Liebling aller machte. Außergewöhnlich frühe entfaltete er eine große Redefertigkeit, wie sie Kindern seines Alters in der Regel nicht eigen ist und erinnert damit an das allbekannte Sprüchlein: Was ein Dörnchen werden will, spitzt sich bei Zeiten.
Noch ehe er das zehnte Lebensjahr erreicht hatte, verlor er seinen Vater, und da die Mutter sich wohl selbst nicht für fähig hielt, den lebhaften Knaben richtig zu erziehen, wurde er zu einem Oheim von väterlicher Seite gebracht, der mit ihm denselben Namen hatte, vielleicht also sein Pate war.
Hier im Hause des Oheims fand er denn, was ihm weder die Schule zu Hull, die er bis jetzt besucht hatte, noch auch das Elternhaus gegeben: einen echt christlichen, frommen Geist. Die Tante gehörte der Sekte der Methodisten an, und wie sie selbst eine warme, aufrichtige Liebe zu Gottes Wort und eine tiefe Erkenntnis seiner heiligen Wahrheiten besaß, so suchte sie beides auch dem jungen Neffen einzupflanzen. Schien doch dessen reiches, tiefes Gemüt so recht dazu geeignet, die göttliche Wahrheit freudig in sich aufzunehmen und nachhaltig in sich wirken zu lassen. Was die eigne Mutter, die erst spät zum lebendigen Christentum kam, an dem sinnigen Knaben versäumt hatte, suchte die Tante desto eifriger nachzuholen und gewann durch die liebreiche Art ihrer erziehlichen Einwirkung einen nachhaltigen Einfluß auf Williams Gemüt.
Allein das still ernste, fromme Wesen, welches dadurch bei dem Knaben einkehrte und sich bei seinen gelegentlichen Besuchen im Elternhause deutlich genug kundgab, war keineswegs weder nach dem Sinn der Mutter noch des Großvaters, der ebensowenig wie diese für ein ernstes Christentum viel übrig hatte. Man befürchtete, die fromme Tante werde den Jungen ganz zu ihrem Methodismus und zu dessen Weltflüchtigkeit herüberziehen, und ihn dadurch zu der hohen, glänzenden Lebensstellung untüchtig machen, zu der ihn seine reichen Geistesgaben einmal führen zu müssen schienen.
William wurde deshalb schon wieder 1771 nach Hull ins Elternhaus zurückgerufen und sowohl die Mutter wie der Großvater boten alles auf, die frommen Eindrücke wieder zu verwischen, die er bei der Tante empfangen hatte. Der Großvater drohte ihm sogar damit, ihn enterben zu wollen, wenn er das häßliche methodistische Wesen nicht ablege. Da die Mutter ein reiches geselliges Leben liebte und das Haus selten von Gästen leer war, so konnte es kaum ausbleiben, daß der lebhafte zwölfjährige Knabe seine bisherigen Lebensgewohnheiten bald vergaß und mehr und mehr an den Zerstreuungen und Genüssen eines weltlichen geselligen Lebens Geschmack gewann. Die eifrige Beschäftigung mit dem Worte Gottes, die ihm die Tante beim Abschied noch besonders auf das Gewissen gebunden hatte, nahm von Tag zu Tag mehr bei ihm ab, und bald ergötzten ihn die weltlichen Dichter Englands, die man ihm geflissentlich in die Hände spielte, mehr als die einfachen kunstlosen Worte des heiligen Buches.
Aber trotzdem konnte der gute Same, den die fromme Tante in das kindliche Herz ausgestreut hatte, nicht ganz erstickt werden. Ein ernster Sinn, der durch das zerstreuende gesellschaftliche Leben wohl für Tage und Wochen in den Hintergrund geschoben werden konnte, aber dennoch sich immer wieder geltend machte, wenn in der häuslichen Geselligkeit größere Ruhepausen eintraten, blieb der unverlierbare Gewinn des Aufenthalts im Hause des Oheims. Und wenn derselbe auch an der Beschäftigung mit den weltlichen Dichtern, die für den Knaben einen hohen Reiz besaß, einen gefährlichen Feind hatte, so gewann doch William durch diese Beschäftigung die außergewöhnlich große Fertigkeit im mündlichen und schriftlichen Ausdrucke, welche ihm in seinem späteren Leben so sehr zu statten kam. Durfte er es doch wagen, schon als 15jähriger Knabe einen Aufsatz gegen den Sklavenhandel, dessen Gräuel schon jetzt sein mitleidiges Herz schaudern machten, an den Herausgeber einer öffentlichen Zeitschrift einzusenden, ohne daß derselbe als ein knabenhaftes Machwerk eine Zurückweisung erfahren hätte!