Wie allgemein verbreitet und wie fest gegründet die Ansicht von der Notwendigkeit und Rechtmäßigkeit der Negersklaverei und des Negerhandels im Anfange des 16. Jahrhunderts war, beweist wohl nichts besser als der Umstand, daß selbst der edle Las Casas, der treue Freund und unermüdliche Schützer der amerikanischen Indianer, die Negersklaverei nicht für unchristlich ansah, wenn es auch durchaus falsch ist, daß er seinen Indianern zu Liebe selbst die Negersklaverei eingeführt oder doch wesentlich gefördert habe. Erst gegen Ende seines Lebens ging ihm in betreff der Negersklaverei eine richtigere Erkenntnis auf und eine tiefe Reue darüber, daß er die Negereinfuhr gebilligt habe.

Wir haben schon erwähnt, daß bereits ums Jahr 1460 in der portugiesischen Hauptstadt Lissabon ein förmlicher Markt für Negersklaven bestand. Die Portugiesen blieben auch fortan die Hauptsklavenhändler, während die Spanier für sich selbst bald den Sklavenhandel einstellten und sich durch Verträge mit anderen Nationen die für ihre westindischen Besitzungen nötigen Sklaven verschafften. So übernahm es im Jahre 1715 England vertragsmäßig, den Spaniern ihre Sklaven zu liefern und bedingte sich sogar das Recht aus, ihnen 144000 Neger in die Sklaverei zu verkaufen.

Denn nachdem im Jahre 1525 die ersten Negersklaven in England gelandet und verkauft waren, blühte dort der Sklavenhandel, an dem die öffentliche Meinung nicht den geringsten Anstoß nahm, rasch auf, begünstigt selbst von den Königen, die von den Sklavenhändlern hohe Abgaben erhoben.

Von 1750 bis 1783 wurden etwa 30000 Neger jährlich unter englischer Flagge in die Sklaverei geführt, besonders von Liverpool aus, das zum Hauptstapelplatze des Negerhandels wurde. Im Jahre 1771 hatte diese Stadt 105 Schiffe, die sich lediglich mit dem Sklavenhandel befaßten und eigens dafür eingerichtet waren, während London nur 85, Bristol nur 25 solcher Schiffe hatte. Während man den Menschenverlust, den Afrika durch den Negerhandel erlitt, auf 40 Millionen Menschen schätzt, berechnet man den Gewinn, welchen England aus diesem Handel zog, auf 400 Millionen Dollars, also über 1600 Millionen Mark!

Indessen gaben sich auch noch andere Nationen, wenn auch in geringerem Maße, mit dem Negerhandel ab. Denn es war ein holländisches Schiff, welches im Jahre 1620 die ersten Sklaven in Nordamerika landete, und zwar zu Jamestown in Virginien und so den Grund legte zu der bedeutenden Negereinfuhr, die nun auch dort, besonders in den südlichen Staaten, in den Gang kam und nachweisbar von 1620 bis 1740 etwa 130000, von da bis 1776 etwa 300000 Neger in die nordamerikanischen Staaten brachte.

Die Ansichten über die Notwendigkeit und Rechtmäßigkeit des Sklavenhandels, die sich in Europa gebildet hatten, verpflanzten sich, von Eigennutz und Gewinnsucht getragen, rasch dorthin und gewannen so festen Grund in der öffentlichen Meinung, daß selbst die strenge Sekte der Quäker in Pennsylvanien die Sklaverei an sich nicht, sondern nur die dabei vorkommenden Gräuel mißbilligte. Allein die in diesen Staat eingewanderten Deutschen protestierten von vornherein gegen die Sklaverei als gegen etwas unsittliches und besonders unchristliches und verlangten schon im Jahre 1688 bei der Volksvertretung die unbedingte Abschaffung derselben. Sie verschafften dadurch dem deutschen Namen den unvergänglichen Ruhm, zuerst gegen die grauenhaften Zustände der Negersklaverei öffentlich aufgetreten zu sein. Ehre jenen unerschrockenen Männern, die es wagten, gegen die gegenteilige öffentliche Meinung ihre bessere Überzeugung tapfer zu vertreten!

Allerdings fehlte es auch schon früher nicht an Einzelnen, welche sich wider die Sklaverei erhoben; aber es handelte sich dann stets um weiße Sklaven. So kaufte schon im 6. Jahrhundert der Bischof von Rom, Gregor der Große, britannische Jünglinge, welche in römische Kriegsgefangenschaft geraten und in Rom zum Verkaufe gestellt waren, los, unterwies sie sorgfältig im Christentum und ließ sie dann als Freie in ihre ferne Heimat zurückbringen, daß sie dort das Christentum ausbreiteten.

Im Jahre 1270 schlossen England und Frankreich einen heiligen Bund, der zum Zwecke hatte, die Raubstaaten an der nordafrikanischen Küste, die sogenannten Barbareskenstaaten Algier, Tunis und Tripolis, zu züchtigen, welche die durch Seeraub erlangten Schiffer oder Küstenbewohner des mittelländischen Meeres als Sklaven zu verkaufen pflegten, und setzten ihre Bemühungen auch später noch fort, ohne jedoch den Sklavenhandel dieser Raubstaaten ganz unterdrücken zu können. Erst in den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts wurde diesem schmählichen Handel durch die Eroberung und Kolonisation Algiers von seiten der Franzosen ein Ende gemacht.

Gegen den Negerhandel jedoch erhob sich die öffentliche Meinung erst zu Ende des 17. und zu Anfang des 18. Jahrhunderts, und zwar besonders infolge der eifrigen Bemühungen der englischen Quäkersekte und ihrer Führer G. Fox und W. Penn. Als es ihnen gelungen war, durch Wort und Schrift die Gewissen aufzuwecken, begann in England der Kampf gegen die Sklaverei und nahm nun von Jahr zu Jahr größeren Umfang an, wie sehr auch die westindischen Sklavenhalter und die englischen Sklavenhändler alles aufboten, denselben lahm zu legen. Und man muß es den Engländern lassen, daß sie die schwere Schuld, die sie den armen Schwarzen gegenüber auf sich geladen hatten durch den von ihnen getriebenen und geduldeten Negerhandel, redlich abzuzahlen bemüht gewesen sind und noch immer sich bemühen. Denn sie sind es, die mit schweren Kosten für den Staat an den afrikanischen Küsten beständig Wachtschiffe kreuzen lassen, um den Sklavenhändlern ihre Beute abzujagen, und wenn der Kommandant des englischen Geschwaders, welches diesen edlen Zweck zur Ausführung bringen soll, noch im Jahre 1880 an der Ostküste Afrikas 60 Sklavenschiffe weggenommen und 855 Negern wieder zur Freiheit verholfen hat, so beweist das ebensowohl, daß der Sklavenhandel noch heute keineswegs völlig unterdrückt ist, wie auch das, daß England nach wie vor beharrlich und redlich bemüht ist, den Schandfleck abzuwaschen, den der Sklavenhandel auf den englischen Namen gebracht hat.