Am 18. April 1791 kam die Sklavensache im Parlament wieder vor und Wilberforce ergriff sogleich das Wort, um vorzutragen, was er durch sein eifriges Studium der Zeugenverhöre gewonnen hatte. Sorgfältig vermied er jede Bemerkung oder Anspielung, welche die Gegner persönlich hätte verletzen können, nur die unzweifelhaft bewiesenen Thatsachen ließ er reden. Aber wie auch nach ihm sein Freund Pitt, ja selbst dessen entschiedener politischer Gegner Fox für die Abschaffung des Sklavenhandels die Stimmen zu gewinnen suchten, es half nichts. Mit 163 gegen 88 Stimmen wurde der dahin zielende Antrag verworfen.

Denn die »Westindier« hatten große Summen aufgewendet, sich Stimmen zu ihren Gunsten zu erkaufen und leider auch charakterlose Menschen genug im Parlamente gefunden, die sich erkaufen ließen. Wo aber Eigennutz und Geldgierde das große Wort führten, mußten die mächtigsten Gründe ihre Wirkung versagen, mußten selbst solche gewaltige Worte vergeblich bleiben, wie die folgenden, mit denen Wilberforce seine Rede geschlossen hatte:

»Von welchem Gesichtspunkte aus«, so rief er von Eifer glühend in die Versammlung hinein, »man auch die Sache betrachten mag, England hat die Pflicht, dieselbe zu fördern. Die Hälfte des verbrecherischen Handels wird von seinen Unterthanen geführt, und da demnach unsere Schuld so groß ist, so laßt uns auch bald anfangen, Buße zu thun. Es kommt einst ein Tag der Vergeltung, da wir von den Talenten, Fähigkeiten und Gelegenheiten, die uns gegeben waren, Rechenschaft thun müssen! Möge es uns dann nicht offenbar werden, daß wir unsere größere Macht zur Knechtung unserer Nebenmenschen, unsere größere Erkenntnis zur Schändung der Schöpfung Gottes angewendet haben!!«

Mit der oben erwähnten Abstimmung war denn für diese Parlamentssitzung wieder die heilige Sache der Sklavenfreunde beseitigt, aber auch ihr Mut gebrochen? auch der Eifer eines Wilberforce gelähmt? – Keineswegs. Man schlug nur jetzt einen andern Weg ein.

Von den Vertretern des Volks war, wie sichs eben gezeigt hatte, nichts zu hoffen und zu erwarten, so beschloß man denn, sich an das Volk selbst zu wenden und dessen Gerechtigkeit und Menschlichkeit geradezu anzurufen. Es wurde ein Auszug aus den Parlamentsverhandlungen angefertigt, worin besonders die von Wilberforce als Waffen gebrauchten thatsächlichen Beweise für die Schändlichkeit des Sklavenhandels hervorgehoben waren, und dann dieser Auszug in zahllosen Abdrücken überallhin und in jeder möglichen Weise unter dem Volke zu verbreiten gesucht. Die Sklavenfreunde, an ihrer Spitze Wilberforce, ließen sich dabei weder Mühe noch Kosten verdrießen.

Aber man kam auch weiter auf den Gedanken, zu versuchen, ob man nicht in thatsächlicher Weise den Hauptgrund, welchen die Gegner stets für die Sklaverei vorbrachten, entkräften und in seiner Nichtigkeit blosstellen könnte. Das war nämlich der Grund: die Neger seien eigentlich gar keine Menschen, sondern nur menschenähnliche Tiere. Man berief sich dann dabei stets auf die Zeugnisse der Sklavenbesitzer, welche durch eigene, reiche Erfahrung hätten zu der Überzeugung kommen müssen, daß die Neger zu jeder geistigen Bildung völlig unfähig seien.

Da beschlossen denn die Sklavenfreunde, eine Ansiedelung für freie Neger zu gründen, worin diese unter der Leitung von wohlwollenden Menschen gesammelt und sorgfältig unterrichtet werden sollten, um selbst zu zeigen, daß sie in der That vernunftbegabte, bildungsfähige Wesen seien. Es bildete sich eine Gesellschaft, welche die nötigen Mittel für diesen Zweck zusammenschoß, und auf der Westküste Afrikas von den dortigen Negerfürsten eine Strecke Landes erkaufte, die sich besonders zum Anbaue zu eignen schien und den Namen »Sierra Leone« führte. Wilberforce war einer von den ersten Leitern dieses Unternehmens.

Und dasselbe schien unter Gottes Segen glücken zu wollen. Es fehlte nicht an Negern, die den gebotenen Zufluchtsort gern annahmen. Denn in dem nordamerikanischen Befreiungskriege hatten sich eine ganze Anzahl entsprungener Sklaven aus den Südstaaten auf die Seite der englischen Regierung geschlagen und wacker gegen ihre früheren Herren kämpfen helfen. Sie waren natürlich von den Engländern für frei erklärt und nach Beendigung des Krieges auf der Halbinsel Neuschottland angesiedelt worden, um sie der Verfolgung ihrer ehemaligen Herren zu entziehen. Dort aber war ihnen das Klima zu rauh, und als sie deshalb von der afrikanischen Ansiedelung in Sierra Leone Kunde erhielten, sandten sie nach London und ließen die englische Regierung bitten, sie dorthin zu versetzen. Ihrem Wunsche wurde willfahrt, und in einer Stärke von 700 Köpfen siedelten sie nach der neuen Kolonie über.

Allerdings hatte die wohlgemeinte Ansiedelung anfangs nur schlechten Erfolg, da die Rohheit und geistige wie körperliche Trägheit der Neger fast aller Versuche spotteten, sie an ein geordnetes, thätiges Leben zu gewähren. Besser wurde es erst, als man mit Ernst daran ging, ihnen das Evangelium zu predigen und sie zum Christentume zu bekehren, und als unter christlichen Einflüssen ein neues Geschlecht herangewachsen war. Dann aber wurde auch die Kolonie in der That ein leuchtendes Zeugnis dafür, wie völlig haltlos und ungerechtfertigt die Ansicht sei, daß die Neger zum wenigsten eine untergeordnete Menschenrasse und zu jeder Bildung unfähig seien, und ist es bis heute, wo ja Gottlob, diese Ansicht kaum mehr einen ernsthaften Vertreter findet.

Die vorhin erwähnte Maßregel, den Auszug aus den Parlamentsverhandlungen über die Sklaverei und den Sklavenhandel in Massen unter das Volk zu werfen, trug gute Früchte. Der Gerechtigkeitssinn und das Menschlichkeitsgefühl fingen unter dem Volke an sich zu regen und sich gegen die Scheußlichkeiten des Sklavenhandels zu empören, nachdem dieselben einmal so recht nackt und klar auf Grund amtlicher Beweise aufgedeckt waren. Durch das ganze Land hin und her wurden Versammlungen gehalten und von denselben Bittschriften an das Parlament gerichtet, welche die Abschaffung des Sklavenhandels verlangten. Viele verbanden sich sogar im heiligen Eifer dazu, sich aller Erzeugnisse Westindiens zu enthalten, die der Sklavenarbeit ihren Ursprung verdankten.