Obwohl so noch durchaus nichts Festes und Bestimmtes erreicht war, ergossen doch die »Westindier« die ganze Schale ihres Zornes über Wilberforce, als den Mann, der im Kampfe gegen sie sich nicht zur Ruhe bringen ließ. Nicht blos, daß die schändlichsten Verleumdungen wider ihn ausgestreut wurden, nein selbst mörderische Pläne wurden gegen ihn geschmiedet, sodaß ihn seine Freunde nicht ohne bewaffnete Begleitung wollten auf die Reise gehen lassen. Möglich, daß auch seine Ernennung zum französischen Bürger, welche ihm in dieser Zeit zukam, nur eine böswillige Anzettelung seiner Feinde war, die ihn dadurch als einen unzweifelhaften Anhänger der französischen Revolution verdächtigen wollten. Freilich wurde ihm diese zweifelhafte Ehre sogleich wieder entzogen und sein Name aus den Listen der französischen Bürger gestrichen, als er in den Vorstand einer Gesellschaft trat, die sich die Unterstützung der durch die Revolution aus Frankreich vertriebenen Geistlichen zum Zwecke gesetzt hatte.
Der Krieg mit Frankreich, welcher ausbrach, nachdem die Franzosen ihre gerühmte »Brüderlichkeit« soweit getrieben hatten, daß sie am 21. Januar 1793 ihren König hinrichteten, brachte notwendig einen Stillstand in die Verhandlungen über die Sklavensache. Nun, wo man gesehen hatte, wie die Grundsätze der Revolution in Frankreich zum Umsturz aller bestehenden Ordnung führen konnten, schrack man vor allem zurück, was nur den mindesten Zusammenhang mit diesen Grundsätzen zu haben schien, wie man das ja bereits den Bemühungen der Sklavenfreunde und unseres Wilberforce insonderheit zum Vorwurfe gemacht hatte. Das Parlament weigerte sich in seiner großen Mehrzahl, auch nur die Entscheidung vom vorigen Jahre zu erneuern.
Dem Kriege mit Frankreich war Wilberforce entgegen gewesen. Als derselbe unvermeidlich wurde, weil die französische Nationalversammlung auf die Rückberufung des englischen Gesandten nach der Hinrichtung Ludwigs XVI. damit antwortete, daß sie an England den Krieg erklärte, drang Wilberforce bei seinem Freunde Pitt darauf, daß England sich nur verteidigen solle, wenn es von Frankreich wirklich angegriffen würde. Allein da Pitt ein erbitterter Gegner des revolutionären Nachbars war, so ging er darauf nicht ein, und zum erstenmale fanden sich die beiden Freunde in entschiedenem Gegensatze.
Wenn er aber auch so für den äußeren Frieden nichts durchsetzen konnte, so beteiligte sich Wilberforce desto eifriger an einem anderen Friedenswerke, zu dem sich jetzt Gelegenheit bot, und das ihm schon längere Zeit am Herzen gelegen hatte.
Es lag nämlich die Notwendigkeit vor, die Karte der englischen Kolonien in Asien zu erneuern, und es kam im Parlament zu Verhandlungen über die sittlichen und religiösen Zustände der Eingeborenen in jenen Kolonien, bei denen der Regierung zum Vorwurfe gemacht werden mußte, daß sie diesen Zuständen bisher gar keine Aufmerksamkeit zugewendet habe. Da verlangte denn Wilberforce, daß Geistliche und Lehrer nach Ostindien geschickt würden, welche den Eingeborenen das Christentum brächten, wie dies von seiten der Sekten der Methodisten und Baptisten bereits geschehen sei. Er bekämpfte dabei mit aller Entschiedenheit den Grundsatz, dem die englische Regierung bisher gefolgt war, und der dahin ging, daß es am besten sei, die Eingeborenen bei ihrem Heidentum zu lassen. Es war ein tiefer Schmerz für ihn, zu sehen, wie sein Vorschlag mit allgemeiner Gleichgültigkeit aufgenommen wurde und sogar nur bei einzelnen der Bischöfe Unterstützung fand. Vergebens machte er geltend, daß eine Ablehnung seiner Forderung gleichbedeutend sei mit der öffentlichen amtlichen Erklärung, man achte das Christentum nur deshalb, weil es die im Lande bestehende Religion sei, nicht aber deshalb, weil es allein den rechten Heilsweg zeige und eine göttliche Offenbarung sei. – Seine Anträge wurden nicht angenommen.
Als mit der Hinrichtung Robespierres am 27. Juli 1794 die Schreckensherrschaft in Frankreich ihr Ende erreicht hatte, hielt Wilberforce die Zeit für gekommen, den Frieden mit Frankreich wieder herzustellen und England wieder die Segnungen des Friedens zuzuwenden. Trotz der entgegenstehenden Ansicht der meisten seiner Freunde, trotzdem, daß er dadurch wieder mit Pitt in offenen Widerspruch treten mußte, brachte er, lediglich den Mahnungen seines Gewissens folgend, im Dezember 1794 seine Friedensanträge im Parlamente ein. Er zog sich dadurch nicht blos die Unzufriedenheit des Königs, sondern auch seiner Wähler zu, achtete aber dessen nicht, sondern unterstützte nach Ablehnung seiner eigenen Anträge schon im Februar des folgenden Jahres wieder den Antrag auf Wiederherstellung des Friedens, welchen ein anderes Parlamentsglied eingebracht hatte, sowie jeden anderen dahin zielenden Antrag, der im Laufe dieser Parlamentssitzung gestellt wurde. – So heilig war ihm eine einmal gewonnene gewissenhafte Überzeugung.
Zu einer inneren Entfremdung zwischen Wilberforce und Pitt kam es indessen durch diese Gegnerschaft in Sachen des Krieges keineswegs. Pitt wußte zu gut, daß der Freund lediglich aus der Gewissenhaftigkeit seiner Überzeugung heraus diese Gegnerschaft aufrecht erhielt und alles war zwischen beiden vergessen, als sich auch die Minister dem Frieden mit Frankreich glaubten zuneigen zu müssen.
Sie gingen wieder einträchtig zusammen, als die Regierung vom Parlamente die Berechtigung zu außerordentlichen Maßregeln forderte, um den Revolutionsgeist unterdrücken zu können, der sich immer weiter im Lande auszubreiten schien und immer kecker und unverhohlener hervortrat. Schon predigte man offen in eigens dazu berufenen Versammlungen den Aufruhr gegen die Regierung, verbreitete ungescheut Bilder, durch welche der König auf dem Gange zum Schaffot dargestellt wurde, ja wagte es sogar, den König persönlich zu beunruhigen und zu beschimpfen, als er zur Eröffnung des Parlamentes fuhr. – Da unterstützte denn Wilberforce furchtlos und kräftig, wenn auch ungern, die Forderung der Regierung und half dazu, daß sie, wenn schon auch erst nach langem und heißem Redekampfe bewilligt wurde.
Er hatte aber damit nicht allein die Feindschaft der Freiheitspartei auf sich geladen, die sich auch im Parlamente gebildet hatte, sondern auch die ganze Masse seiner Wähler in der Grafschaft York wider sich erbittert, die sich von dem Revolutionsgeiste hatten bestricken lassen. Als er nun hörte, daß diese eine große öffentliche Versammlung abhalten wollten, um ihrem Unwillen gegen das Ministerium und seine Absichten Ausdruck zu geben, beeilte er sich, zu dieser Versammlung noch zurecht zu kommen und benutzte dazu sogar, ohne irgend welches Bedenken, weil sein eigener Wagen für eine so weite eilige Reise nicht gehörig in Ordnung war, den Wagen, den ihm der so verhaßte Minister zur Verfügung stellte.
Allein als Wilberforce am Orte der Versammlung ankam, stellte es sich heraus, daß die sogenannte Freiheitspartei doch noch nicht so groß war, als man befürchtet hatte, und bei Eröffnung der Versammlung waren die Freunde und Anhänger des Ministeriums entschieden in der Überzahl. Ohne Furcht vor etwaigen Feindseligkeiten gegen seine Person trat Wilberforce in die stürmisch tobende Versammlung hinein, verschaffte sich Gehör und hielt eine glänzende Rede, die den Erfolg hatte, daß eine ganz gegenteilige Kundgebung als die beabsichtigte zu stande kam, nämlich eine Schrift, die bald mit zahlreichen Unterschriften bedeckt war, und worin man die entschiedenen und kräftigen Maßregeln des Ministeriums gegen die revolutionäre Partei vollständig billigte, und dieser Vorgang fand bald auch in anderen Grafschaften Nachahmung.