So hatte Wilberforce den deutlichsten Beweis geliefert, wie falsch die ihm gemachten Vorwürfe wegen Hinneigung zu den Grundsätzen der Revolution gewesen seien, und glaubte denn nun, ohne aufs neue solche Vorwürfe erleiden zu müssen, seine Sklavensache wieder in Angriff nehmen zu können. Denn entmutigt war er durch die bisher nur errungenen geringen Erfolge keineswegs, und es lag gerade jetzt wieder ein besonderer Grund vor, in seiner Sache ernstlich vorzugehen.
Frankreich hatte nämlich, um den verhaßten englischen Nachbarn einen empfindlichen Schaden zuzufügen und wo möglich die ganze Negerbevölkerung auf seinen westindischen Besitzungen in Aufruhr zu bringen, auf seinen eigenen Besitzungen drüben alle Neger für frei erklärt, und es dadurch auch wirklich dahin gebracht, daß auf den englischen Inseln Granada, St. Vincent und Dominica Empörungen der Neger stattfanden. Da hatten denn die Freunde des Sklavenhandels wieder Oberwasser und wußten den Mund nicht voll genug zu nehmen, um auszuschreien, daß man hier sehen könne, wozu die Freundschaft gegen die Neger führe.
Sofort war Wilberforce auf dem Kampfplatze und brachte am 18. Februar 1796 wieder seine alten Anträge auf Aufhebung des Sklavenhandels und wo möglich der Sklaverei selbst das Parlament, entwickelte auch wieder die alte, feurige Beredsamkeit für seine Herzenssache und wußte das thörichte Geschrei der Gegner mit der Wucht seiner Gründe zu übertäuben. Allein wiewohl er auch jetzt wieder von Pitt kräftig unterstützt wurde, konnte er doch seine Anträge nicht durchbringen, weil seine Freunde bei der schließlichen Abstimmung nicht in der nötigen Zahl auf dem Platze waren, und selbst der von ihm gestellte Antrag fiel durch, daß durch das Gesetz eine bessere Behandlung der Sklaven auf den Sklavenschiffen erzwungen werden möchte.
Tiefbetrübt über diesen neuen Mißerfolg würde Wilberforce wohl nicht daran gedacht haben, sich um seine Wiederwahl ins Parlament zu bewerben, wie es jetzt nötig wurde, wenn er nicht zweifellos an den endlichen Sieg seiner guten Sache geglaubt und es deshalb für eine heilige Pflicht angesehen hätte, seine Wirksamkeit im Parlamente unbeirrt und mit aller Kraft fortzusetzen. Seine Wiederwahl hatte denn auch nicht die geringste Schwierigkeit.
Bei einem Besuche seiner Mutter in Hull, den er bei Gelegenheit dieser Wiederwahl machte, durfte er mit inniger Freude wahrnehmen, wie die betagte Frau, die er so sehr liebte, jetzt durch Gottes Gnade innerlich eine ganz andere geworden und auf dem besten Wege war, sich mit ganzem, vollem Ernste dem wahren Christentum zuzuwenden. Ihre Bitte beim Abschiede, daß der Sohn ihrer fleißig in seinem Gebete gedenken möge, hat dieser gewiß von nun an mit doppelter Freudigkeit erfüllt.
Wer nach dem bisher Erzählten denken wollte, Wilberforce habe für nichts anderes Interesse gehabt, als für seine Sklavensache und höchstens für das, was derselben irgendwie dienen konnte, der würde ihn durchaus falsch beurteilen. Sein Herz, das von der Liebe Christi durchdrungen war, trieb ihn vielmehr, wo und wie er nur konnte, das leibliche und geistliche Wohl aller seiner Mitmenschen zu fördern.
Nicht blos, daß er bei jeder sich bietenden Gelegenheit für die heilige Sache der Mission eintrat und für ihre Ausbreitung und Förderung kämpfte, auch das leibliche Elend seiner Mitmenschen fand in ihm einen stets willigen und bereiten Helfer. So besuchte er, wenn er in London war, häufig die dortigen Krankenhäuser und brachte den Elenden neben geistlichem Zuspruche auch leibliche Erquickungen, ja hielt es nicht unter seiner Würde, ihnen auch selbst hülfreiche Handreichung zu thun. Auch unterstützte er nach wie vor seine Freundin Hannah More bei ihren Bemühungen, dem unwissenden Volke die Segnungen eines regelmäßigen Schulunterrichtes zuzuwenden und hatte dafür eine allezeit offene Hand.
Besonders aber beschäftigte ihn schon seit Jahren eine Schrift, an der er ununterbrochen während seiner Mußezeiten arbeitete und welche den Titel führen sollte: »Eine praktische Übersicht des vorherrschenden religiösen Lehrbegriffs der Bekenner des Christentums in den höheren und mittleren Ständen dieses Landes, verglichen mit dem wahren Christentum«, also eine Schrift, die mit der Sklavensache zunächst gar nichts zu thun hatte.
Es war nämlich für Wilberforce ein fortgesetzter tiefer Schmerz, zu sehen, wie wenig wahres, aufrichtiges und thatkräftiges Christentum in den Gesellschaftskreisen herrschte, darin er sich bewegte. Entweder trat ihm da eine vollständige Gleichgiltigkeit gegen das Christentum entgegen, die von diesem nicht einmal reden hören mochte, oder jene unerträgliche Schwatzhaftigkeit über das Christentum, der man es doch sofort abmerkte, daß sie ebensowenig aus aufrichtiger Hochachtung und Liebe für dasselbe hervorging, als ihr eine rechte christliche Erkenntnis oder gar eine wahrhaftige christliche Erfahrung zu Grunde lag. Diese betrübende Wahrnehmung ließ dem für das Christentum, dessen segensreiche Wirkung er täglich mehr an sich selbst erfuhr, begeisterten Manne keine Ruhe. Er betrachtete es als eine heilige Pflicht, mit der Gabe, die er empfangen hatte, auch anderen zu dienen, die derselben noch ermangelten, und möglichst viele von ihren falschen, verkehrten Wegen zu dem einzigen Wege zu rufen, der zum Frieden auf Erden und zur Seligkeit im Himmel führt.