Bei denjenigen, welche ihm persönlich näher standen, that er dies mündlich mit rückhaltsloser Offenheit, aber auch mit so liebenswürdiger Milde und mit so teilnahmvoller Eindringlichkeit, daß ihm niemand zürnen konnte, auch wenn er sich vielleicht durch ein ernstes, strafendes Wort verletzt gefühlt hätte.
Um aber auch auf weitere Kreise zu wirken, mit denen er keine persönliche Berührung hatte, schrieb er das erwähnte Buch. In der Einleitung zu demselben hob er besonders hervor, daß er, obgleich ein Nichtgeistlicher, sich doch verpflichtet gefühlt habe, solch ein Buch zu schreiben, weil er dafür halte, daß jeder Christ dazu berufen sei, das Heil seiner Nächsten nach Kräften zu fördern, und weil er denke, daß man einen Nichtgeistlichen für unparteiischer halten werde; er habe nicht für entschiedene Gegner des Christentums geschrieben, sondern für solche, die sich wohl Christen nennten, aber deren Leben durchaus nicht mit ihren Bekenntnissen übereinstimme.
Nachdem er nun zuerst die Haupt- und Grundlehren des Evangeliums: von der Sünde, von der Erlösung durch den Herrn Jesum Christum, von der Heiligung durch den heiligen Geist in tiefer, schriftgemäßer Weise besprochen und mit hoher Glaubensfreudigkeit als die rechte seligmachende Weisheit und Wahrheit bezeugt hatte, welche niemand ungestraft und ohne Schaden verachten könne, ging er besonders darauf aus, zu beweisen, wie eine Sittlichkeit ohne Glauben nur hohles, kraftloses, hinfälliges Wesen sei, wie aber der Glaube nicht etwa blos in dem Fürwahrhalten der christlichen Lehre bestehe, sondern vielmehr ein Sauerteig sei, der das ganze Wesen durchdringen und zu einer vollen, rückhaltlosen Hingabe des Herzens und Lebens an Gott und den Heiland treiben müsse. An dieser Beweisführung, bei welcher er besonders die Redensarten näher beleuchtete, mit denen die Weltmenschen in der Regel jede Zumutung mit ihrem Christentum Ernst zu machen, von sich abwiesen, schloß sich dann der Nachweis, wie wahres Christentum mit allen Lebensverhältnissen und mit jeder Lebensstellung wohl verträglich sei und durchaus nichts Unmögliches von seinen Jüngern fordere.
Sieben Jahre lang schon hatte Wilberforce an diesem Buche gearbeitet und, was er darin niederlegen wollte, nicht nur aufs Reiflichste erwogen, sondern auch an seinem eigenen Herzen und an seiner eigenen Lebenserfahrung soviel als möglich erprobt. Jetzt erst entschloß er sich, das Buch in Druck zu geben. Der Buchhändler, an welchen er sich deshalb wandte, hielt, nachdem er einen Blick in dasselbe gethan hatte, den Verfasser für einen liebenswürdigen Schwärmer, der aber mit dem Geschriebenen keinen großen Erfolg erzielen, sondern nur viel Spott und Hohn einernten werde. Dem Namen »Wilberforce« zu liebe, meinte er lächelnd, wolle er es wagen, 500 Exemplare zu drucken, aber es sei sehr fraglich, ob auch nur diese Absatz finden würden.
Wie hatte sich aber der gute Mann verrechnet! Kaum war im April 1797 der Druck vollendet, und das Buch ausgegeben, als auch bereits nach wenigen Tagen die 500 Exemplare vollständig vergriffen waren. Und damit war es nicht am Ende, nein, die Nachfrage nach dem Buche wurde so stark, daß im Laufe des nächsten halben Jahres 5 Auflagen in einer Stärke von im ganzen 7500 Exemplaren nachgedruckt werden mußten. Ja bis zum Jahre 1826 erlebte das Buch noch weitere 10 Auflagen und wurde ins Deutsche, Holländische, Französische, Italienische und Spanische übersetzt: jedenfalls ein unwiderlegliches Zeugnis von der Vortrefflichkeit und durchschlagenden Wirkung des Buches!
»Ich preise Gott,« so schrieb der fromme Bischof von London über dasselbe, »daß in diesen schrecklichen Zeiten solch ein Werk erschienen ist, und ich will ihn inbrünstig bitten, daß es weiterhin einen mächtigen Einfluß gewinnen möge, vor allem aber auf mein eigenes Herz, welches dadurch zur Demut und hoffentlich bald auch zur Wirksamkeit angeregt wird.«
Von allen Seiten kamen Wilberforce die ehrenvollsten Dankbezeugungen wegen seines Buches zu. Ja es zeigte ihm sogar jemand in einem namenlosen Schreiben an, er habe sich ein kleines Gut in der Grafschaft York gekauft, eigens zu dem Zwecke, bei der nächsten Wahl ins Parlament Wilberforce seine Stimme geben und ihm dadurch einen geringen Teil seiner Dankesschuld abtragen zu können.
Aber eitel konnte Wilberforce nicht werden, wenn er auch die Anlage dazu in eben dem Maße besessen hätte, als er sie nicht besaß. Seine Feinde und Gegner sorgten dafür, daß es neben den vielen Anerkennungen auch nicht an den härtesten, lieblosesten Beurteilungen des Buches fehlte. War es ihnen doch ein Dorn im Auge, daß der Name des von ihnen so bitter Gehaßten durch das Buch noch größere Berühmtheit erlangte, als er sie schon hatte.